Ich weiß es nicht

Einmal kamen Altväter zum Altvater Antonios, und unter ihnen war auch der Altvater Joseph. Antonios wollte sie prüfen, legte ihnen ein Wort der Schrift vor und begann sie, von den Jüngeren angefangen, zu fragen, was das Wort bedeute. Jeder gab antwort, je nach seinem Vermögen. Der Greis sagte zu jedem: „Du hast es noch nicht gefunden.“ Zuletzt von allen sprach er zum Altvater Joseph: „Was sagst denn du, dass dieser Spruch bedeute?“ Seine Antwort war: „Ich weiß es nicht.“ Da sprach der Altvater Antonios: „Wahrhaftig, Altvater Joseph hat den Weg gefunden, indem er sagte: ‚Ich weiß es nicht.’“

Kein Tor

Brüder besuchten von der Wüste Sketis aus den Altvater Antonios. Sie bestiegen ein Schiff, um zu ihm zu kommen. Dort trafen sie einen Alten, der auch dorthin kommen wollte, doch die Brüder kannten ihn nicht. Als sie im Schiffe waren, unterhielten sie sich über Aussprüche der Väter, über Worte der Schrift und auch über ihre Handarbeit. Der Alte aber schwieg. Als sie nun am Landeplatz waren, zeigte es sich, dass der Alte auch auf dem Weg zum Altvater Antonios war. Als sie dann bei diesem ankamen, sprach Antonios zu ihnen: „An diesem Alten habt ihr einen guten Begleiter gefunden.“ Er sagte aber auch zu dem Greis „Treffliche Leute hast du bei dir.“ Der Greis erwiderte: „Gut sind sie schon, aber ihr Gehöft hat kein Tor, und jedermann kann in den Stall hineingehen und den Esel losbinden.“ Das sagte er, weil sie alles herausschwätzten, was ihnen in den Mund kam.

Das Schwanken des Schilfrohrs

Abbas Arsenios kam eines Tages zu einem Ort, wo Schilfrohr wuchs, das sich im Wind bewegte. Der Alte sagte zu seinen Brüdern: Was bewegt sich so? Sie antworteten: Schilfrohr. Darauf er: Wahrlich, wenn jemand Herzensruhe übt und hört noch einen Vogel singen, dann hat sein Herz noch keine Ruhe. Dies gilt noch viel mehr euch, die ihr das Schwanken des Schilfrohrs bemerkt.

Der Kampf des Herzens

Abbas Antonio sagte: Wer in der Wüste die Herzensruhe praktiziert, hat schon drei Kämpfe bestanden: den des Hörens, den des Redens und den des Sehens. Ihm bleibt noch ein Kampf zu bestehen: der des Herzens.

Ist es nicht besser zu schweigen?

Abbas Zacharias lag im Sterben, als Abbas Moses ihn frug, was er schaue.
Vater, ist es nicht besser zu schweigen, meinte Zacharias.
Und Moses antwortete: Ja, mein Kind, schweige.

 

Wüstenväter - Wüstenmütter

Nach dem Vorbild des Antonius – einem Sohn reicher ägyptischer Eltern, der sich um 270 als Zwanzigjähriger in die ägyptische Wüste zurückgezogen hatte – begaben sich im 3. und 4. nachchristlichen Jahrhundert Menschen in die Wüste oder an wüstenähnliche Orte, um sich in beständiger Einsamkeit und Wachheit ganz der inneren Wahrheit auszusetzen. Besitzlos und fern von jeder gesellschaftlichen oder familären Bindung und Verpflichtung und ganz der eigenen Gefühls- und Gedankenwelt ausgesetzt, erwarben sich viele von ihnen eine große Menschenkenntnis. Sie wurden zu den Psychologen der damaligen Zeit. Von überall her pilgerten Menschen zu den Einsiedlern, um sich von ihnen beraten und heilen zu lassen.
323 gründete Abba Pachomios in der oberägyptischen Wüste ein Kloster, Vorbild für weitere Klöster und spirituelle Zentren, die dann im Osten wie im Westen allmählich überall entstanden und in der Gründung von Montecassino einen geschichtlichen Höhepunkt erreichten.
Die Apophthegmata Patrum ist eine Sammlung von kurzen Aussprüchen, die den Mönchen des 4. und 5. Jahrhunderts, z.B. Poimen, Makarius oder Antonius zugeordnet werden. Ursprünglich in Griechisch abgefasst, wurden sie laufend überarbeitet, ergänzt und in andere Sprachen übersetzt.