Sein Herz zu Gott erheben

Erhebe dein Herz zu Gott mit einer demütigen Regung der Liebe; meine Gott selbst und keine Seiner Eigenschaften. Empfinde einen Widerwillen davor, an irgendetwas außer an Ihn zu denken, auf dass nichts in deinem Verstande und in deinem Willen wirke als allein Er selbst. (…)
Kein anderes Werk reinigt dich selbst so sehr und macht dich so lauter wie dieses. Dabei ist es von allen das leichteste und am schnellsten zu vollbringende Werk, wenn durch Gnade in der Seele ein spürbares Verlangen entsteht. (…)
Gib also nicht auf, sondern gib dir solange Mühe damit, bis du Verlangen danach empfindest.
Denn zu Beginn deiner Übung bemerkst du nichts als eine Finsternis, sozusagen eine Wolke des Nichtwissens, genau weißt du nicht, was das ist, außer dass du in deinem Willen ein von allem entblößtes Verlangen nach Gott spürst. Du magst dich bemühen wie du willst, dennoch bleiben diese Dunkelheit und diese Wolke zwischen dir und deinem Gott und hindern dich, Ihn mit dem Lichte deiner geistigen Verstandeskraft in deiner Vernunft deutlich zu erkennen oder in seliger Liebe in deinem Herzen zu spüren.
Mache dich deshalb bereit, in dieser Dunkelheit so lange wie möglich zu verweilen und immerfort nach dem, den du liebst, zu rufen; denn wenn du Ihn je fühlen oder sehen können wirst, sofern dies hienieden möglich ist, so kann dies doch immer nur in jener Wolke und Dunkelheit geschehen.
Wenn du dich indes eifrig in diesem Werk bemühst, so wie ich es dir rate, glaube ich wohl, dass Gott in Seiner Gnade dir diese erwähnte Schau gewährt.

Die Wolke des Nichtwissens, in: Richard Reschika, Praxis christlicher Mystik, Freiburg/Br. 2007

Wahre Selbsteinschätzung

Zuerst sollst du wissen, worin Demut besteht. Erst, wenn du das klar erkannt und erfasst hast, kann der Grund, aus dem Selbstbewusstsein entsteht, geistig erfasst werden.
Demut an sich ist nichts anderes als eine schonungslose Erkenntnis und Erfahrung des eigenen Selbst in seiner Beschaffenheit. Denn wer wirklich erkennt und erfährt, wie er ist, müsste gewiss auch wirklich demütig sein.
Zwei Gründe gibt es für diese Demut: der eine ist die schmutzige Erbärmlichkeit und Hinfälligkeit des Menschen … Der andere Grund ist die überströmende Liebe und Erhabenheit des göttlichen Seins, bei dessen Betrachtung die ganze Natur erbebt, die Gelehrten sich als Narren entlarven und alle Engel und Heiligen geblendet werden.

Die Wolke des Nichtwissens, in: Richard Reschika, Praxis christlicher Mystik, Freiburg/Br. 2007

 

Wolke des Nichtwissens und Brief persönlicher Führung

“Die Wolke des Nichtwissens“ („The Cloud of Unknowing“) ist der Titel einer gegen Ende des 14. Jahrhunderts in Mittelengland verfassten Schrift, die auf eine einfache, jedoch sehr subtile und profunde Weise den Weg der Kontemplation beschreibt. Das Werk bietet dem zur Kontemplation berufenen Leser eine praktische Anleitung auf dem kontemplativen Weg, indem der Autor ihn lehrt, von allen Bildern und Gedanken leer zu werden, alles begriffliche Denken aufzugeben und unter der „Wolke des Vergessens“ (zwischen dem Übenden und allem Geschaffenen) zu begraben. Die dadurch frei gewordene „nackte“ Liebe muss zu Gott in die „Wolke des Nichtwissens“ (zwischen dem Übenden und Gott) aufsteigen. In der Wolke des Nichtwissens befinden wir uns im „mystischen Schweigen“ (Dionysius).