Abbild-Sein

Und das ist die ganze Vollkommenheit [der Menschheit]: die Ähnlichkeit mit Gott. Nicht vollkommen sein wollen heißt sich verfehlen. Daher muss man für diese Vollkommenheit den Willen beständig nähren und die Liebe bereiten. Man muss den Willen daran hindern, sich an fremde Dinge zu verlieren. Man muss die Liebe hüten, dass sie nicht befleckt wird. Nur deswegen sind wir geschaffen worden und leben wir, dass wir Gott ähnlich sind. Nach dem Bild Gottes sind wir nämlich geschaffen (Gen 1,26).

Sehnsucht nach Gott

Aber der gute Wille ist schon der Anfang der Liebe. Und der stürmische Wille ist gleichsam die Sehnsucht nach dem Abwesenden oder ist Liebe, wenn er vom Gegenwärtigen ergriffen ist. Dem Liebenden ist das, was er liebt, im Geiste gegenwärtig, denn die Liebe in Gott ist auch seine Erkenntnis. Gott wird nur erkannt, wenn er geliebt wird, und nur geliebt, wenn er erkannt wird. Nur soweit wird er erkannt, wie er geliebt wird, und nur soweit geliebt, wie er erkannt wird.

Bitte an den göttlichen Liebhaber

Immer also ist in der Seele deines Armen, mein Gott, deine Liebe. Doch sie ist verborgen wie Feuer unter der Asche, bis es deinem Geist, der weht, wo er will (Joh 3,89), gefällt, sie in der Weise und in dem Maße, wie er will, zum Nutzen des Menschen zu offenbaren. Ergieße dich also in mich, heiliges Feuer, verbrenne die Begierden der Nieren und Herzen (vgl. Ps 26,2)! Banne die Gedanken, soweit du willst, damit die Flamme deines Offenbarwerdens in meiner Erniedrigung reichere Nahrung finde! Erscheine, wann du willst, um die Herrlichkeit des guten Gewissens und den Reichtum, den es in seinem Hause hat (Ps 112,39), ans Licht zu bringen!

Sehnen und Lieben

Und so geschieht es, dass der Sehnende es liebt, sich immer zu sehnen, und dass der Liebende immer sich sehnt zu lieben. Und dem Sehnenden und Liebenden gibst du, o Herr, das Ersehnte und Geliebte so überreich, dass weder Bangen den Sehnenden, noch Überdruss den Vollbeschenkten bedrückt … So gesinnt sein ist die Vollendung: immer weiter so schreiten heißt am Ziel ankommen.

 

Wilhelm von St.-Thierry

Wilhelm (um 1085/90 – 1148/49) stammte aus einer adeligen Familie. Er studierte in Lüttich und Reims und trat um 1100 dem Benediktinerorden bei. 1121 wurde er als Abt in die traditionsreiche Abtei Saint-Thierry bei Reims berufen. Wilhelm von St.-Thierry war der erste Biograph und ein enger Freund des heiligen Bernhard. Als bald nach Bernhards Tod unter dessen Namen die Schrift De amore Dei erschien, handelte es sich um drei Schriften Wilhelms, die im Mittelalter viel gelesen und weithin gerühmt wirden. Als Freund und Bewunderer des großen Abtes von Clairvaux stimmt Wilhelms Denken in vielen Punkten mit dem Bernhards überein. Dennoch ist der Abt von Thierry ein eigenständiger Denker, ein unabhängiger und beeindruckender Mystiker.