Das Wesen des Gebetes

Das Wesen des Gebetes besteht in der Aufmerksamkeit. Dies liefert uns den Schlüssel zu einer christlichen Konzeption des Studiums. Im Gebet richtet die Seele alle Aufmerksamkeit, derer sie fähig ist, auf Gott, und die Beschaffenheit des Gebetes hängt zu einem großen Teil von der Beschaffenheit der Aufmerksamkeit ab. Wenn es hieran mangelt, kann auch die Wärme des Gefühls keine Abhilfe schaffen. - Nur die Spitze der Aufmerksamkeit tritt mit Gott in Berührung, wenn das Gebet inständig und rein genug ist, dass eine solche Berührung stattfindet.

Ein geheimnisvolles Gesetz

Ein geheimnisvolles Gesetz bewirkt, dass ein Mensch, der Gott berührt, in diesem Augenblick schön aussieht. Genauso die Linien, Klänge, Wortkombinationen etc., die von ihm in diesem Zustand ausgehen. Etwas zieht das Fleisch zum Göttlichen hin; wie könnten wir sonst je gerettet werden?
Der Blick und das Warten, das ist die Haltung, die dem Schönen entspricht. Solange man denken, wollen, wünschen kann, erscheint das Schöne nicht.

Glück

Es gibt kein Glück, das der inneren Stille gleichkäme.

 

Simone Weil

Die sozial engagierte jüdische Philosophin Simone Weil, geboren am 5. Februar 1909 in Paris, gestorben am 24. August 1943 in Ashford/England wuchs in einem intellektuell anspruchsvollen familiären Milieu auf. Nach dem Studium unterrichtete sie zunächst Philosophie, setzte sich aber immer intensiver mit Fragen zu den Problemen sozial Benachteiligter auseinander. 1934/35 arbeitete sie als Hilfsarbeiterin, um das Leben der Industriearbeiter zu teilen und Einsicht in das Fabriksystem zu gewinnen. Selbstlos und leidenschaftlich trat sie für die Entrechteten und Unterprivilegierten ein - als Jüdin aus dem Geist Jesu Christi. In ihren letzten Lebensjahren stand sie einem mystisch erfahrenen Christentum nahe, das auf der Seite der Ohnmächtigen und Schutzlosen steht. Sie bekannte sich zu einem wahrhaft universalen Katholizismus.