Wenn alle kleinen Blumen Rosen sein wollten…

Jesus (…) stellte mir das Buch der Natur vor Augen und ich begriff, dass alle Blumen, die Er geschaffen hat, schön sind, dass die Pracht der Rose und der weiße Glanz der Lilie dem kleinen Veilchen seinen Duft nicht rauben, noch dem Maßliebchen seine entzückende Schlichtheit …
Ich begriff: Wenn alle kleinen Blumen Rosen sein wollten, so verlöre die Natur ihren Frühlingsschmuck und die Fluren wären nicht mehr übersät mit kleinen Blümchen. (…)
Ich begriff auch, dass die Liebe unseres Herrn sich ebenso gut in der einfachsten Seele offenbart, die in nichts seiner Gnade widersteht, wie in der erhabensten; da es das Eigentümliche der Liebe ist, sich zu erniedrigen: Indem Gott auf diese Weise herabsteigt, bekundet Er seine unermessliche Größe. Wie die Sonne zugleich die Zeder bescheint und jede kleine Blume, als wäre nur sie auf der Erde, so befasst sich unser Herr mit jeder einzelnen Seele so besonders, als ob sie ihresgleichen nicht hätte.

Nie hörte ich ihn sprechen

Ich erkenne und weiß aus Erfahrung, das Reich Gottes ist innen in uns (Lk 17,21). Jesus bedarf keiner Bücher noch Lehrer, um die Selen zu unterweisen; Er, der Lehrer der Lehrer, unterrichtet ohne Wortgeräusch … Nie hörte ich ihn sprechen, aber ich fühle, dass Er in mir ist, jeden Augenblick. Er leitet mich und gibt mir ein, was ich sagen oder tun soll. Ich entdecke gerade in dem Augenblick, da ich dessen bedarf, Klarheiten, die ich noch nicht geschaut hatte, und zwar sind sie zumeist nicht während der Stunden des Gebetes am reichlichsten, sondern eher bei den gewöhnlichsten Beschäftigungen meines Tagewerks.

Im Grunde meiner Seele

Mein Herz ist ganz ausgefüllt vom Willen Gottes, so sehr, dass alles, was man darauf gießt, nicht in sein Inneres eindringt, es ist ein Nichts, das leicht abfließt, so wie Öl sich nicht mit Wasser vermischen lässt. Im Grunde meiner Seele bleibe ich immer in einem tiefen Frieden, den nichts trüben kann.

 

Thérèse von Lisieux

Die bereits mit 25 Jahren verstorbene Karmelitin Thérèse von Lisieux (1872 – 1897) wurde 1925 heiliggesprochen und 100 Jahre nach ihrem Tod von Papst Johannes Paul II. zur Kirchenlehrerein ernannt. Das kurze Leben der Heiligen zeichnet sich nicht durch große Taten oder außergewöhnliche spirituelle Leistungen aus, sondern sie lebte und starb unbekannt, in einem Karmel in der Provinz Frankreichs. Gerade diese Alltagstauglichkeit ihres Glaubens übt eine große Anziehungskraft für Menschen auf der ganzen Welt aus und macht ihr Leben für heute aktuell.
„Der kleine Weg“, den sie in ihren Aufzeichnungen beschreibt, fordert nichts „Außergewöhnliches“, sondern ermutigt dazu, das „Gewöhnliche außergewöhnlich gut zu vollbringen“ (Thérèse von Lisieux) und zeigt, wie Menschen die konkreten Aufgaben und Anforderungen im Alltagsleben aus dem Glauben heraus bewältigen können.