Dein bin ich

Dein bin ich, gebor´n für dich.
Was verfügst du über mich?

Allerhöchste Majestät, du,
Weisheit, du, in Ewigkeit,
Güte, gut zu meiner Seele,
Gott, ein Wesen, Hoheit, Güte,
schau, wie groß die Niedrigkeit,
die dir heut´ aus Liebe singt:
Was verfügst du über mich?

Dein bin ich, hast mich erschaffen,
dein, hast mich erlöset,
dein, du hast mich ja ertragen,
dein, hast mich berufen,
dein, du hast auf mich gewartet,
dein, ging nie verloren:
Was verfügst du über mich?

Gib du Tod mir oder Leben;
gib Gesundheit oder Krankheit,
Ehre gib mir oder Unehr´;
gib mir Krieg, gib tiefen Frieden,
Schwachheit oder volle Kraft,
denn zu allem sag´ ich ja:
Doch was willst du nun für mich?

Gib mir Reichtum oder Armut,
gib mir Trost, Untröstlichkeit,
gib mir Freude oder Trauer,
gib mir Hölle, gib mir Himmel,
süßes Leben, Sonn´ ohn´ Segel,
da ich ganz mich hingegeben:
Was verfügst du über mich?

Wenn du willst, dann gib Gebet mir,
und wenn nicht, gib Trockenheit,
gib mir Fülle, tiefe Andacht,
und wenn nicht, Unfruchtbarkeit.
Allerhöchste Majestät,
Frieden find´ ich nur darin:
Was verfügst du über mich?

Bringe Frucht ich oder keine,
sei ich schweigend oder redend,
zeigt mir das Gesetz die Wunde,
freu´ ich mich der Frohen Botschaft,
sei ich leidend, mich erfreuend,
einzig lebe du in mir.
Was verfügst du über mich?
Dein bin ich, gebor´n für dich:
Was verfügst du über mich?



aus "vuestra soy, para nos naci" (Auszug), in: Ulrich Dobhan OCD /Elisabeth Peeters OCD (Hg.): Teresa von Avila. Gedanken zum Hohenlied, Gedichte und kleinere Schriften. Freiburg/Br. 2004

Die „Wohnungen der inneren Burg“

Weil ich weder wusste, wie das mir aufgetragene Werk beginnen, noch überhaupt, was ich sagen sollte, bat ich inständig unseren Herrn, dass Er durch mich sprechen möge. Da fiel mir ein guter Ausgangspunkt ein, nämlich dass wir uns die Seele vorstellen können als eine kristallene oder diamantene Burg mit vielen Gemächern, so wie auch der Himmel viele Wohnungen hat. (…)

Wenn ich hier auch nur von sieben Wohnungen spreche, umfasst eine jede doch deren viele, unten und oben und an den Seiten, mit wunderschönen Gärten und Brunnen und verschlungenen Wegen, so zauberhaft, dass ihr am liebsten vergehen würdet in Lobpreisungen des großen Gottes, der dieses nach seinem Bilde und Gleichnis geschaffen hat. (…)

Ganz in der Mitte der Burg aber, in ihrem Zentrum, liegt die Wohnung, auf die alles ankommt, und wo geheimnisvolle Dinge zwischen Gott und der Seele geschehen.

Wir müssen sehen, wie wir hineingelangen können. Es scheint, als rede ich hier Unsinn. Denn wenn die Burg die Seele ist, so kann man doch nicht hineingehen, man ist sie ja selbst. Ebenso sinnlos wäre es, jemandem zu sagen, er möge ein Zimmer betreten, in dem er sich schon befindet.
Aber hier müsst ihr den Unterschied erkennen zwischen Sein und Innesein. Denn viele Seelen umrunden die Burg draußen auf dem Wehrgang, wo die Wachen die Tore schützen. Sie wollen auch gar nicht hinein, denn sie erkennen nicht den Wert des Ortes, wissen nicht, wer darin wohnt und welche Gemächer die Burg birgt. Ihr werdet in Büchern, die zum Gebet anleiten, schon den Rat gefunden haben, die Seele möge sich nach innen wenden. Das eben ist hier gemeint.


Teresa von Avila, Die innere Burg, in: Erika Lorenz, Der nahe Gott, Freiburg/Br. 1985

 

Teresa von Avila

Teresa wurde am 28. März 1515 in Avila, Spanien, geboren und trat dort 1536 in das Karmelitinnenkloster ein. Den Namen Teresa de Jesús nahm sie erst nach der Gründung ihres ersten Reformklosters (1562) an.

Sie erhielt die Erziehung einer Frau gebildeter Kreise, lernte aber kein Latein, und es stand ihr auch nie eine Gesamtausgabe der Heiligen Schrift zur Verfügung. Zu ihrer Lieblingslektüre zählten die Bücher des spanischen Franziskanerpaters Francisco de Osuna, dessen „Drittes geistliches Abecedarium“ sie das kontemplative Beten lehrte.
Teresa von Avila hinterließ ein reiches literarisches Werk, das zu den Perlen der Weltliteratur zählt. Bedeutsam für die katholische Erneuerung wurden auch die Klostergründungen, die sie gemeinsam mit Johannes vom Kreuz durchführte.

Sie starb am 4. Oktober 1582.

Heiligsprechung: 1622.
1970 als erste Frau zur Kirchenlehrerin erhoben.