Gottes Geburt im Menschen

Wir feiern am Weihnachtstage in der Christenheit eine dreifache Geburt, aus der jeder Christ in Dankbarkeit und Freude Erquickung, Trost und Wonne schöpfen sollte:

Die erste und höchste Geburt ist die, dass der Vater im Himmel seinen eingeborenen Sohn in göttlicher Wesenheit und persönlicher Unterscheidung gebiert.

Die zweite Geburt, die wir heute feiern, ist die Geburt Jesu in rechter Lauterkeit.

Und die dritte Geburt besteht darin, dass Gott täglich und stündlich in jeder guten Seele geistig geboren wird.

Die erste verborgene Geburt geht in der dunklen unerkannten Gottheit vor sich. Die zweite ist zum Teil erkennbar, zum Teil unerkennbar. Die dritte meint jene, die jeden Augenblick in der Seele geschehen kann und soll, wenn sie sich gelassen und liebevoll Gott zuwendet; dann geschieht diese Geburt durch Einkehr und Rückkehr aller ihrer Kräfte, und in ihr gibt sich Gott ihr ganz zu eigen…

Wie das?

Die Seele hat drei edle Kräfte, in denen sie ein Abbild der Dreifaltigkeit Gottes ist: Gemüt, Verstand und Willen. Mittels dieser Kräfte ist sie empfänglich für Gott; mit ihrer Hilfe schaut sie die Ewigkeit. Denn sie ist zwischen Zeit und Ewigkeit geschaffen: mit dem oberen Teil gehört sie der Ewigkeit, mit ihrem unteren, sinnlichen Teil der Zeit an. Und sie ist nur zu geneigt und bereit, sich ganz an die sinnlichen und zeitlichen Dinge hinzugeben, und in Gefahr, damit der Ewigkeit verlustig zu gehen.

Darum 
muss notwendig eine Rückkehr geschehen, eine Einkehr und ein inwendiges Sammeln und vereinigen aller Kräfte, der oberen und der unteren, wie einer, der eine Sache verstehen und vollenden will, alle Sinne und Kräfte auf einen Punkt sammelt. Dies ist der Eingang.

Soll nun der Ausgang, der Übergang aus sich selbst und über sich selbst hinaus stattfinden, müssen wir alle Eigenschaften des Wollens, Verlangens uns Wirkens lassen, bis nichts zurückbleibt als ein bloßes lauteres Gott-im-Sinn-Haben und wir nur noch dem Höchsten in uns Raum geben, damit er sein Werk und seine Geburt in  uns vollziehen kann und von uns nicht daran gehindert wird…

Wenn der Mensch aus sich, aus seinem Ich herausgeht und die Stätte Gottes in ihm, den Seelengrund, für die Geburt Gottes bereitet hat, muss Gott ihn ganz und gar erfüllen.

Darum sollst Du schweigen, dann kann das Wort in Dich hineingesprochen und von dir vernommen werden werden. Man kann dem göttlichen Wort nicht besser dienen als mit Schweigen und Lauschen.

Gehst Du so gänzlich aus, so geht Gott gänzlich in Dich ein. Soviel aus, soviel ein.

Mache Dir darum dieses innerliche Schweigen durch Übung zur Gewohnheit; denn Gewohnheit schafft Können und macht Dich empfänglich für die Geburt Gottes in Dir.


aus der Predigt zum Weihnachtstag

 

Johannes Tauler

Zusammen mit Heinrich Seuse gehört der Dominikaner Johannes Tauler (um 1300 bis 1361) zu jenen Mystikern, die für die Kontinuität des geistigen Erbes von Meister Eckhart eintraten. Er hat den Meister wahrscheinlich in Straßburg kennengelernt.
So sehr er jedoch von Eckhart tief beeinflusst war, entwickelte er dennoch eine originelle, ihm eigene und ganz im Leben der Kirche verwurzelte Mystik, die sich durch besondere Lebensnähe auszeichnet. Seine Botschaft ist von einer Geradheit und Menschlichkeit, die ihn zu einem der zugänglichsten aller christlichen Mystiker macht.