Es ist eine unendliche Welt

Es ist eine unendliche Welt, die sich ganz neu auftut, wenn man einmal anfängt, statt nach außen nach innen zu leben. Alle  Realitäten, mit denen man vorher zu tun hatte, werden transparent, und die eigentlich tragenden und bewegenden Kräfte werden spürbar. Wie belanglos erscheinen die Konflikte, mit denen man vorher zu tun hatte! Und welche Fülle des Lebens mit Leiden und Seligkeiten, wie sie die irdische Welt nicht kennt und nicht begreifen kann, fasst ein einziger, nach außen fast ereignisloser Tag eines gänzlich unscheinbaren Menschendaseins! Und wie seltsam kommt man sich vor, wenn man mit Menschen, die nur die Oberfläche sehen, als einer von ihnen lebt und, ohne dass sie es ahnen oder merken, all dies andere in sich und um sich hat. (Selbstbildnis in Briefen III, ESGA 4)

Es gibt einen Zustand des Ruhens in Gott

Es gibt einen Zustand des Ruhens in Gott, der völligen Entspannung aller geistigen Tätigkeit, in dem man keinerlei Pläne macht, keine Entschlüsse fasst und erst recht nicht handelt, sondern alles Künftige dem göttlichen Willen anheim stellt, sich gänzlich „dem Schicksal überlässt“. Dieser Zustand ist mir etwa zuteil geworden, nachdem ein Erlebnis, das meine Kräfte überstieg, meine geistige Lebenskraft völlig aufgezehrt und mich aller Aktivität beraubt hatte. Das Ruhen in Gott ist gegenüber dem Versagen der Aktivität aus Mangel an Lebenskraft etwas völlig Neues und Eigenartiges. Jenes war Totenstille. An ihre Stelle tritt nun das Gefühl des Geborgenseins, des aller Sorge und Verantwortung und Verpflichtung zum Handeln Enthobenseins. Und indem ich mich diesem Gefühl hingebe, beginnt nach und nach neues Leben mich zu erfüllen und mich – ohne willentliche Anspannung – zu neuer Betätigung zu treiben. Dieser belebende Zustrom erscheint als Ausfluss einer Tätigkeit und einer Kraft, die nicht die meine ist und, ohne an die meine irgendwelche Anforderungen zu stellen, in mir wirksam wird. (ESGA 6)

Wenn Gott in uns ist

Wenn Gott in uns ist und wenn er die Liebe ist, so kann es nicht anders sein, als dass wir die Brüder lieben. Darum ist unsere Menschenliebe das Maß unserer Gottesliebe. Aber es ist eine andere als die natürliche Menschenliebe. Die natürliche Liebe gilt diesem oder jenem, der uns durch Bande des Blutes verbunden oder durch Verwandtschaft des Charakters oder gemeinsame Interessen nahe steht. Die anderen sind „Fremde“, die einen „nichts angehen“, einem eventuell sogar durch ihr Wesen widerwärtig sind, so dass man sie sich möglichst weit vom Leibe hält. Für die Christen gibt es keinen „fremden Menschen“. Der ist jeweils der „Nächste“, den wir vor uns haben und der unser am meisten bedarf; gleichgültig ob er verwandt ist oder nicht, ob wir ihn „mögen“ oder nicht, ob er der Hilfe „moralisch würdig“ ist oder nicht. Die Liebe Christi kennt keine Grenzen, sie hört nimmer auf, sie schaudert nicht zurück vor Hässlichkeit und Schmutz. Er ist um der Sünder willen gekommen und nicht um der Gerechten willen. Und wenn die Liebe Christi in uns lebt, dann machen wir es wie er und gehen den verlorenen Schafen nach. (Geistliche Texte I. ESGA 19)

In die Welt hineingehen

In der Zeit unmittelbar vor und eine ganze Weile nach meiner Konversion habe ich gemeint, ein religiöses Leben führen heiße alles Irdische aufgeben und nur im Gedanken an göttliche Dinge leben. Allmählich habe ich aber einsehen gelernt, dass in dieser Welt anderes von uns verlangt wird und dass selbst im beschaulichsten Leben die Verbindung mit der Welt nicht durchschnitten werden darf; ich glaube sogar: je tiefer jemand in Gott hineingezogen wird, desto mehr muss er auch in diesem Sinn „aus sich heraus-gehen“, d. h. in die Welt hinein, um das göttliche Leben in sie hineinzutragen. (Selbstbildnis in Briefen I, ESGA 2

 

Edith Stein

Edith Stein (1891 – 1942) wurde in Breslau, als jüngstes von elf Kindern einer jüdischen Familie geboren. Als eine der ersten Frauen studierte sie an der Universität, zunächst in Breslau, später in Göttingen, wo sie dem Philosophen Edmund Husserl begegnete. Als dessen Schülerin und Assistentin folgte sie ihm 1916 nach Freiburg im Breisgau.
Seit ihrer Jugend in kritischer Distanz zu Religion und Glaube (sie bezeichnete sich selbst als Atheistin), fand sie über Freundschaften mit Christinnen und Christen sowie durch die Lektüre der Biografie der Teresa von Avila den Weg zum Christentum. 1922 konvertierte sie zur katholischen Kirche; 1933 trat sie in das Karmelkloster in Köln ein. Wegen der Judenverfolgungen musste sie 1938 in das Kloster Echt in Holland flüchten, wurde dort aber, so wie alle jüdischen Ordensleute und auch ihre Schwester Rosa, abgeholt und nach Auschwitz deportiert. Hier erlitt sie, vermutlich am 9. August 1942, den Tod in der Gaskammer.