Wenn ich ganz still bin

Wenn ich ganz still bin
kann ich von meinem bett aus
das meer rauschen hören
es genügt aber nicht ganz still zu sein
ich muss auch meine gedanken vom land abziehen

Es genügt nicht die gedanken vom festland abzuziehen
ich muss auch das atmen dem meer anpassen
weil ich beim einatmen weniger höre

Es genügt nicht den atem dem meer anzupassen
ich muss auch händen und füßen die ungeduld nehmen

Es genügt nicht hände und füße zu besänftigen
ich muss auch die bilder von mir weggeben

es genügt nicht die bilder wegzugeben
ich muss auch das müssen lassen

Es genügt nicht das müssen zu lassen
solange ich das ich nicht verlasse

Es genügt nicht das ich zu lassen
ich lerne das fallen

Es genügt nicht zu fallen
aber während ich falle
und mir entsinke
höre ich auf
das meer zu suchen
weil das meer nun
von der küste heraufgekommen
und in mein zimmer getreten
um mich ist

Wenn ich ganz still bin
 

Dorothee Sölle

Dorothee Steffensky-Sölle (1929 – 2003) stammte aus einer großbürgerlichen Familie in Köln. Sie studierte Philosophie, Literatur und Evangelische Theologie in Köln, Göttingen und Freiburg. Seit 1960 war sie als Schriftstellerin tätig und veröffentlichte zahlreiche Texte zu politischen und religiösen Themen. Sie engagierte sich in der Friedensbewegung und war Mitbegründerin des sogenannten „Politischen Nachtgebets“ von 1968 bis 1972 in Köln.
Sölle vertrat eine politische Theologie und fand durch die Begegnung mit der Befreiungstheologie und lateinamerikanischen Basisgemeinden zu überraschend neuen Zugängen zu den biblischen Texten.
In dem 1987 erschienenen Buch „Mystik und Widerstand – du stilles Geschrei“ legt sie ihre Sicht von Mystik dar: Gottesliebe und Menschenliebe sind untrennbar miteinander verbunden und stehen im Zentrum mystischen Lebens.