Gotteslob

Ich nahm mir vor meine inneren Augen mich selber nach allem dem, was ich bin, mit Leib und Seele und allen meine Kräften, und stellte um mich alle Kreaturen, die der Allmächtige je erschuf in Himmelreich und in Erdreich und in den vier Elementen;
ein jegliches sonderlich mit Namen, es wäre Vogel der Lüfte, Tier des Waldes, Fisch des Wassers, Laub und Gras des Erdreichs und das unzählig Sand in dem Meere;
und darzu all das klein Gestäube das in der Sonnen Glanz scheinet, und alle die Wassertröpflein, die von Tau oder von Schnee oder von Regen je gefallen oder je noch fallen;
und wünschte, dass dero ein jegliches hätte ein süßes, aufdringendes Saitenspiel, wohl angeschlagen aus meinem innersten Herzen, und also aufklänge ein neues hochgemutes Lob von Ewigkeit zu Ewigkeit.

(Büchlein der Wahrheit)


Das ist die hohe Schule und ihre Kunst

Die wahrste, nützeste und behendste Lehre, die dir werden mag zur höchsten Vollkommenheit eines lauteren Lebens, ist diese:
Halte dich abgeschieden von allen Menschen, halte dich lauter von allen eingezogenen Bildern, mache dich frei von allem, was am Zufall haftet, und richte dein Gemüt zu allen Zeiten auf ein tugendliches göttliches Schauen, indem du Gott zu allen Zeiten vor Augen hast als stetes Bild, von dem dein Auge nimmer wanke
Und was andere Übung ist, sei es Armut, Fasten, Wachen und alle andere Kasteiung, so richte sie zu diesem als ihrem Ziele und habe ihrer soviel, als dich dazu fördern können. Siehe, so gewinnst du das höchste Ende der Vollkommenheit, das unter tausend Menschen nicht einer begreift, weil sie ihr Ziel in andere Übungen setzen und darum irregehen all die langen Jahre.

Das ist die hohe Schule und ihre Kunst, eine ganze, vollkommene Gelassenheit seiner selbst, dass der Mensch stehe in ganzer Entwordenheit, wie immer sich Gott gegen ihn erzeige, in sich selbst oder in seinen Geschöpfen, in Liebe oder in Leid, sofern es menschliche Schwäche zu leisten vermag, um allein auf Gottes Lob und Ehre zu schauen.

in: O. Karrer/K. Dahme: Der mystische Strom, Salzburg 1986

Sieh, da hast du deinen Gott

Nun lass uns ein Weilchen hier stehen bleiben und lass uns den hohen, herrlichen Meister spekulieren (schauen) in seinem Tun: Sieh über dich und um dich in die vier Enden der Welt, wie weit, wie hoch der schöne Himmel ist in seinem Lauf und wie adelig ihn sein Meister geziert hat mit den sieben Planeten, von denen ein jeder, ausgenommen allein der Mond, viel größer ist als alles Erdreich, und wie er verherrlicht wird von der unzählbaren Menge des lichten Gestirnes …

Sieh da, Frau Tochter, da hast du deinen Gott, den dein Herz so lange gesucht hat. Nun sieh aufwärts mit glänzenden Augen, mit lachendem Antlitz, mit aufhüpfendem Herzen, und sieh ihn an und umfange ihn mit den unendlichen Armen deiner Seele und deines Gemütes und sag ihm Dank und Lob!

in: Wehr, Gerhard (Hg.): Der Stimme der Mystik lauschen, München 2005

 

Heinrich Seuse

Heinrich Seuse (geboren um 1295 wahrscheinlich in Konstanz, gest. 1366 in Ulm), Dominikanermönch und ein begeisterter Schüler Meister Eckharts, hat mit einer Innerlichkeit wie kaum ein anderer unter den Mystikern des Mittelalters die Schöpfung als einen Ort der Gottesnähe besungen.
Seine spirituelle Entwicklung, die er in einer ausführlichen Vita beschreibt, ist durch eine Krise in zwei Etappen aufgeteilt: Die erste Phase ist von selbst auferlegter Askese geprägt, in der zweiten muss er von diesem anfänglichen Rigorismus Abschied nehmen und ertragen lernen, was ihm das Leben zumutet.

Der mystische Weg, den Heinrich Seuse vertritt, führt durch die Welt der Bilder, der Wirklichkeit und des Körpers hindurch in die Unsagbarkeit der Gottheit.
Eine tiefe geistliche Freundschaft verband ihn mit der Dominikanernonne Elsabeth Stagel, die sich in der Vita als eine idealtypische Denk-, Lehr- und Schreibgemeinschaft widerspiegelt.