Die sechste Stufe

Entleertes, bilderloses Denken, ein klares Schauen im göttlichen Lichte und eine reine Entrückung des Geistes vor das Antlitz Gottes, - diese drei zusammen bilden und erzielen das wahrhaft schauende Erleben, darin niemand sich irren kann, Der reine Geist nämlich neigt sich beständig zu dem verklärten Verstand und folgt ihm mit nackter Sehnsucht zu seinem Ursprunge. Unser himmlischer Vater aber ist Ursprung und Abschluss alles Werdens. In ihm entspringen wir allesamt, rein gedanklich und in einem bildlosen Gesichte. In seinem Sohne schauen wir mit verklärtem Verstande alle Wahrheit in göttlichem Lichte. Im hieligen Geiste vollbringen wir alle unserer Werke. Hier, wo wir voll nackten Liebens verzückt sind in das Antlitz Gottes, sind wir los und ledig aller Geschehnisse und aller Träume. Das ist das schauende leben obersten Grades. Es in jedem Augenblicke beginnen und vollbringen zu können, dies ist der Ratschlag der Liebe. Und dies ist die sechste Stufe auf unserer himmlischen Treppe.

in: Gerhard Wehr, Europäische Mystik zur Einführung, Hamburg 1995

Das unbegreifliche Wunder

Ihr müsst wissen, dass der himmlische Vater als ein lebendiger Grund mit allem, was in ihm lebt, wirkend in seinen Sohn gekehrt ist als in seines Selbstes ewige Weisheit Und dieselbe Weisheit und alles, was in ihr lebt, ist wirkend zurückgewandt in den Vater, in denselben Grund, daraus sie kommt; in dieser Begegnung aber entspringt die dritte Person neben dem Vater und dem Sohne, der Heilige Geist, die Minne der beiden, die eins mit beiden ist in derselben Natur und die Vater und Sohn und alles, was in ihnen lebt, mit so großer Freude und Reichtum umgibt und wirkend und genießend durchdringt, dass alle Kreatur ewiglich hierüber schweigen muss. Denn das unbegreifliche Wunder, das in dieser Minne liegt, übersteigt ewiglich das Verstehen aller Geschöpfe.
Aber da, wo man dieses Wunder ohne Verwunderung versteht und empfindet, da ist der Geist über sich erhaben und eins mit dem Geiste Gottes und empfindet und sieht maßlos gleich wie Gott den Reichtum, der er selbst in der Einheit des lebendigen Grundes ist, wo er sich besitzt nach der Weise seiner Ungeschaffenheit.

in: Otto Karrer, Der mystische Strom, Salzburg 1986

 

Jan van Ruysbroek

Jan van Ruysbroek (1293-1381), der bedeutendste flämische Mystiker, war Seelsorger in Brüssel und späterer Prior des Augustinerchorherrenklosters von Groenendael. Beeinflusst von Meister Eckhart und Johannes Tauler, steht er in der Tradition der rheinischen deutschen Mystik. Auch er umkreist in seinen Schriften das zentrale Thema der „geistlichen Hochzeit“, nach der sich die zur Vereinigung mit Gott strebende Seele sehnt.
Jan van Ruysbroek verfasste zwölf mystische Traktate. In der Schrift „Sieben Stufen der geistlichen Liebestreppe“ bemühte er sich, den schrittweisen Aufstieg der Seele zu Gott zu beschreiben.