Über Betrachtung und Beschauung

Man bemerke wohl den Unterschied der beiden Dinge: Das Geschäft der Betrachtung ist es, die göttlichen und himmlischen Dinge fleißig zu überdenken, um im Herzen fromme Anmutungen zu erwecken, wie wenn einer mit dem Stahle Feuer aus dem Stein zu schlagen sucht.
Die Beschauung aber, die auf die Betrachtung folgt, erfreut sich an dem schon brennenden Feuer, mit andern Worten, sie genießt in der Stille die erlangte göttliche Heimsuchung und heilige Liebe, nicht mit vielen Begriffen, Urteilen und Verstandesschlüssen, sondern in einer reinen und einfältigen Anschauung der Wahrheit.
Darum sagt ein heiliger Lehrer: „Die Betrachtung geht mit viel Mühe voran und mit geringerer Frucht, die Beschauung aber gewährt ohne alle Mühe den reichlichsten Nutzen.“
Jene sucht, diese hat gefunden. Jene bereitet Speisen, diese verkostet sie. Jene denkt nach und überlegt, diese schaut und genießt. Kurz, jene ist das Mittel, diese der Zweck; jene der Weg und die Bewegung, diese das Ziel und die Ruhe.

in: Otto Karrer: Der mystische Strom, Salzburg 1986

Der Rat Gottes kann nicht aufhören, gut zu sein

Der Rat Gottes kann nicht irgendwann aufhören, gut zu sein, noch ist er schwer zu befolgen, es sei denn für die Ungläubigen, die wenig Gottvertrauen haben und sich an menschliche Klugheit halten. Der aber den Rat gab, gibt auch die Möglichkeiten, ihm zu folgen, denn das vermag er. Es erteilt doch auch kein guter Mensch einen Rat, von dem er nicht meint, dass er Gutes bewirkt, auch wenn wir von Natur aus schlecht sind. Wie viel mehr erst wird dann der Allgütige und Allmächtige wollen und können, dass seine Räte von denen befolgt werden, denen er sie gab!

in: Erika Lorenz, Der nahe Gott, Freiburg/Br. 1985

Teresa von Avila über Petrus von Alcántara

Fast alle rieten mir, das Kloster auf feste Einkünfte zu gründen. Ich aber konnte mich im Wissen um die Ordensregel und größere Vollkommenheit nicht dazu durchringen. Ich flehte zu Christus unter Tränen, doch alles so zu regeln, dass ich arm sein möge wie er…
Zu dieser Zeit fügte es der Herr, dass ich den heiligen Petrus von Alcántara sprechen konnte, der ein großer Liebhaber der Armut war. Er folgte ihr schon so viele Jahre, dass er den Reichtum kannte, den sie in sich barg. Und so half er mir sehr und trug mir auf, mein Projekt zu betreiben und in keinem Falle nachzugeben. Mit diesem Rat und dieser Fürsprache, die besser nicht sein konnten, weil sie auf langer Erfahrung beruhten, beschloss ich, keine weiteren Ratgeber mehr zu suchen.

in: Erika Lorenz, Der nahe Gott, Freiburg/Br. 1985

 

Petrus von Alcántara

Pedro de Alcántara (1499–1562) stammte aus adeligem Geschlecht. Er studierte in Salamanca, trat in den Orden der Franziskaner ein, reformierte und gründete Klöster und hatte hohe Ämter inne. Seine franziskanische Reformkongregation, die „Alcantariner“, war gekennzeichnet durch tiefen Gebetsgeist und strenge Askese.
Er war kein Schriftsteller, kein Mystograph, dennoch wurde er als solcher verehrt: Luis de Granada, Teresa von Avila u. v. a. schätzten ihn hoch und suchten seinen Rat. Seine wirksamste Schrift „Das Buch vom Gebet und der Meditation“ war überaus weit verbreitet.