Vom Sehen Gottes

Als Dein Geschenk habe ich also, mein Gott, diese ganze sichtbare Welt, die ganze Heilige Schrift und alle dienstbaren Geister als Hilfe, damit ich fortschreite in Deiner Erkenntnis. Alles regt mich dazu an, damit ich mich zu Dir hinwende. Nichts anderes suchen alle Schriften zu tun, als Dich zu zeigen. Alle einsichthaften Geister üben sich auch in nichts anderem als darin, Dich zu suchen und das, was sie von dir gefunden haben, zu offenbaren.

Über all dies hinaus hast Du mir Jesus als den Lehrer, als den Weg, als das Leben und als die Wahrheit gegeben, so dass mir nichts fehlen kann. Du stärkst mich durch Deinen Heiligen Geist Du gibst mir durch Ihn die Entscheidungen, die zum Leben führen, ein, die heiligen Sehnsüchte. Du lockst mich durch das Vorverkosten der Wonne des Lebens in der Herrlichkeit dazu an, Dich, das unendliche Gut, zu lieben. Du reißt mich fort, damit ich über mich selbst hinaus bin und den Ort der Herrlichkeit voraussehe, zu dem Du mich einlädst.

Viele ganz schmackhafte Speisen, die mich durch ihren köstlichsten Duft anziehen, zeigst Du mir. Den Schatz der Reichtümer des Lebens, der Freude und der Schönheit lässt Du mich sehen. Die Quelle, aus der alles in Natur wie Kunst Begehrenswerte fließt, legst Du frei. Nichts hältst Du geheim. Die Ader der Liebe, auch die des Friedens und der Ruhe verbirgst Du nicht. Alles bietest Du mir, dem Erbärmlichen an, den Du aus dem Nichts erschaffen hast.

Was also zögere ich? … Warum trete ich nicht ein in die Freude meines Herrn? Was hält mich? … Ziehe mich, Herr – denn niemand kann zu Dir kommen, wenn er nicht von Dir gezogen wird – damit ich, von Dir gezogen, von dieser Welt befreit und Dir, dem absoluten Gott, in der Ewigkeit des Lebens in Herrlichkeit verbunden werde. (De visione Dei 25)


in: Klaus Kremer, Nikolaus von Kues: Gott – verborgen und dennoch offenbar, Leutesdorf 2001

So habe ich den Ort gefunden

So habe ich den Ort gefunden, an dem Du unverhüllt gefunden werden kannst. Er ist vom Ineinsfall der Gegensätze umgeben. Er ist die Mauer des Paradieses, in dem Du wohnst. Seine Pforte bewacht der höchste Geist des Verstandes. Wird dieser nicht besiegt, wird der Zugang nicht offen sein. (De visione Dei 9)

 

Nikolaus von Kues

Nikolaus von Kues, geboren 1401 als Sohn eines wohlhabenden Kueser Bürgers, war ein schon zu Lebzeiten berühmter, universal gebildeter Theologe, Philosoph und Mathematiker. Nach Abschluss seiner Studien in Padua kam er nach Trier, wo er Sekretär und Kanzler des Trierer Erzbischofs wurde. Priesterweihe um 1436/40.
Teilnahme am Konzil von Basel. Verhandlungen mit Vertretern der Ostkirche in Konstantinopel und reger Kontakt mit byzantinischen Gelehrten. Cusanus war einer der ersten christlichen Theologen, die sich mit dem Islam ernsthaft auseinandersetzten.
Als päpstlicher Legat reiste er durch ganz Deutschland, um kirchliche Reformen durchzusetzen.
1450 Ernennung zum Bischof von Brixen. Hier erfuhr er massiven Widerstand gegen seine kirchlichen Reformpläne. 1458 verließ er sein Bistum fluchtartig. Seine letzten Jahre verbrachte er in Rom als Kurienkardinal. Er starb am 11. August 1464 in Todi.
Nikolaus von Kues hinterließ ein umfangreiches theologisch-philosophisches Werk, das praktisch durchgehend die Überwindung von Gegensätzen und das Aufzeigen einer alles Seiende durchwaltenden Einheit als zentrales Thema zum Inhalt hat.