Gebet

Mein Herr und mein Gott,
nimm alles von mir,
was mich hindert zu dir.

Mein Herr und mein Gott,
gib alles mir,
was mich führet zu dir.

Mein Herr und mein Gott,
nimm mich mir
und gib mich ganz zu eigen dir.

Das Gleichnis vom Rad

Und er (Bruder Klaus) sprach zu mir: „Wenn es dich nicht verdrießt, so will ich dich auch mein Buch sehen lassen, worin ich lerne und die Kunst dieser Lehre zu verstehen suche.“ Und er trug etwas herbei mit einer Abbildung, die aussah wie ein Rad mit sechs Speichen, in der Art, wie sie hier abgebildet ist.
Und er begann zu reden und sprach zu mir: „Siehst du diese Figur? So ist das göttliche Wesen. Die Mitte bedeutet die ungeteilte Gottheit, in der sich alle Heiligen erfreuen. Die drei Spitzen, die in der Mitte, beim inneren Ring hineingehen, bedeuten die drei Personen. Sie gehen aus von der einen Gottheit und haben den Himmel und die ganze Welt umfangen. Und so, wie sie ausgehen in göttlicher Macht, so gehen sie auch hinein, sie sind einig und ungeteilt in ewiger Herrschaft. Das bedeutet diese Figur.“

„Nun will ich dir auch etwas sagen von der reinen Magd Maria, die eine Königin ist des Himmels und der Erde; sie ist durch göttliche Weisheit im voraus ausersehen worden. Diese [Weisheit] hat sie umgeben, sobald Gott an sie gedacht hat, dass sie empfangen werden sollte. Darum ist sie im Plan Gottes früher empfangen worden als im mütterlichen Leib. Und diese Gnade ist mit großer Heilskraft in die Empfängnis hineingegangen, darum ist sie rein, zart und unbefleckt. So ist die Kraft des Allerhöchsten ausgegangen und hat sie umfangen, und sie ist liebreich erfüllt worden vom Heiligen Geist. Sodann siehst du im Rad etwas, das in der Mitte beim innern Ring breit ist und nach außen in eine kleine Spitze verläuft. Nach Bedeutung und Form der Speiche ist nun der großmächtige Gott, der alle Himmel bedeckt und umfasst, in Gestalt eines kleinen Kindleins von der höchsten Jungfrau, ohne Verletzung ihrer Jungfrauschaft, ein- und ausgegangen.“

„Den gleichen zarten Leib gab er uns zur Speise mitsamt seiner ungeteilten Gottheit. So siehst du diese Speiche, die ebenfalls beim innern Ring breit ist und nach außen hin, gegen den äußern Ring klein wird, auf diese Weise ist die große Kraft Gottes, des Allmächtigen in dieser geringen Substanz der Hostie.“

„Nun beachte außerdem eine Speiche, die ebenfalls breit ist beim innern Ring und gegen den äußern hin klein, das bedeutet den Wert unsres Lebens, das ganz und gar klein und vergänglich ist. In der kleinen Zeit [unseres Lebens auf Erden] können wir durch die Gottesliebe eine unaussprechliche Freude gewinnen, die nie mehr ein Ende nimmt. Das ist die Bedeutung meines Rades.“

Diese Worte erfreuten mein Herz. Das war also seine Erklärung, die er mir gab.

aus dem „Pilgertraktat“ (gedruckt um 1487 in Augsburg)
 

Niklaus von Flüe (1417–1487)

Bruder Klaus wurde 1417 in der Schweiz, Kanton Obwalden geboren. Als wohlhabender Bauer heiratete er Dorothea Wyss, und wurde Vater von zehn Kindern. Er bekleidete verschiedene politische Ämter in Räten und an eidgenössischen Gerichten.
1467 verließ er alles, was er hatte, um als Pilger Gott zu suchen. Er ließ sich schließlich, mit dem Einverständnis seiner Ehefrau, in der Ranftschlucht unweit von seinem Wohnhaus als Eremit nieder, wo er ein intensives Gebetsleben führte und tiefgreifende mystische Erfahrungen machte.
Das einfache Radsymbol eröffnete ihm das Geheimnis des Dreifaltigen Gottes: Gott bricht aus seinem innersten Geheimnis heraus, umfasst Himmel und Erde und kehrt wieder in die Einheit, in den Frieden Gottes zurück.
Auf Interesse stießen auch die Berichte über die Visionen von Bruder Klaus (Stein, Öl, Brunnen, Turm, Lilie), die tiefenpsychologisch untersucht wurden.
Bruder Klaus erlangte weithin Bekanntheit als geistlicher Berater und Friedensstifter. Einflussreiche Persönlichkeiten aus ganz Europa suchten ihn in seiner Einsiedelei auf, um sich in politischen und kirchlichen Angelegenheiten von ihm beraten zu lassen. Sein vermittelnder Einfluss am „Stanser Vorkommnis“ (1481) soll den drohenden Zerfall der Eidgenossenschaft verhindert haben.
Bruder Klaus gilt als Friedensheiliger. Besonders seit dem 2. Weltkrieg und seiner Heiligsprechung 1947 pilgern jährlich Tausende zu den Bruder-Klausen-Stätten.