Das Geheimnis Christi

Jeder von uns macht sich eine Vorstellung von Christus, die beschränkt und unvollständig bleibt. Sie ist nach unserem eigenen Maß geschneidert.
Wir neigen dazu, uns einen Christus nach unserem eigenen Bild zu formen, eine Projektion unserer eigenen Strebungen, Sehnsüchte und Ideale. Wir finden in ihm das, was wir finden wollen.

Damit sehen wir ihn nicht nur als Inkarnation Gottes, sondern auch als Inkarnation aller Dinge, auf die hin derzeit unsere Gesellschaft und wir als Teil dieser Gesellschaft leben.

Natürlich besteht die Vollkommenheit darin, Christus nachzuahmen und ihm in unserem eigenen Leben Gestalt zu geben; aber es genügt nicht, dass wir nur den Christus nachahmen, den uns unsere eigenen Vorstellungskraft vor Augen hält. …

Die Aufgabe, Christus in uns Gestalt werden zu lassen, können wir nicht einfach durch eigenes Bemühen lösen … Der Geist Gottes muss uns lehren, wer Christus ist; er muss Christus in uns Gestalt geben und uns in Christus verwandeln …

Wenn wir also in unserem Herzen die Regungen und Einstellungen haben wollen, die Christus auf Erden hatte, dann müssen wir nicht unsere eigene Vorstellungskraft, sondern den Glauben befragen. Wir müssen den Schritt hinein in die Finsternis der Entblößung gehen, von unserer Seele alle Bilder abstreifen und in uns Christus mittels seines Kreuzes Gestalt annehmen lassen.


in: Thomas Merton: Christliche Kontemplation, übers. von Bernardin Schellenberger, München 2010

 

Thomas Merton

Thomas Merton (1915-1968) war einer der bedeutendsten Mystiker des 20. Jahrhunderts und herausragender geistlicher Schriftsteller, dessen Schriften über Gebet und Kontemplation und dessen Studien zu klassischen christlichen und nichtchristlichen Mystikern nachhaltigen Einfluss auf die Theologie der Mystik ausübten.
Laut Thomas Merton ist der Weg zu Gott im Grunde nur über die Hinwendung zum Menschen möglich. Aus dieser Erkenntnis heraus erwuchsen sein Protest gegen nukleare Abschreckung und Vietnamkrieg, die Solidarität mit indigenen und afroamerikanischen Minderheiten in den USA, sein Engagement für ökologische Anliegen und interreligiöse Verständigung. Lernfähigkeit und Offenheit waren für ihn zentrale Elemente des Katholischen. In seinen letzten Lebensjahren zog sich der Trappistenmönch innerhalb des Klosters in eine Klause zurück und widmete sich hauptsächlich dem Schreiben.