Morgendämmern

Schon dreihundert Jahre vor Johannes vom Kreuz weiß Ramon Llull um die drei Phasen der Läuterungsnacht. Er verbindet sie mit der Verehrung für die Muttergottes, durch die das Licht des Gottessohnes in die Welt kam. Die allegorischen Personen Preiser, Frau Gebet und Herzenskunde unterhalten sich mit dem Eremiten:

Preiser – sagte der Eremit -, was ist Morgendämmern? Da antwortete Preiser und sagte, Morgendämmern sei der Anbruch des leuchtenden Lichtes und das Ende aller Finsternis. Und – sagte er -, unsere Liebe Frau ist Morgenglanz, denn in ihr ist der Sohn Fleisch geworden, das Licht allen Lichtes und der Glanz allen Glanzes. Darum wurde auch Unsere Liebe Frau lichtdurchstrahlt, und ist sie Tagesanbruch und Morgenglanz der Gerechten und Sünder. In ihr tritt die Barmherzigkeit ans Licht, die Vergebung und die Erlösung des Menschengeschlechts. In ihr hat die Finsternis ein Ende, die über die Menschheit wegen der Sünde der ersten Mutter und des ersten Vaters hereingebrochen war. –

Den Eremiten nahm es wunder, dass so viele Menschen im Finstern sind und weder Licht noch Morgendämmern kennen. Da erzählte Herzenskunde folgende Geschichte:

Ein Mann hatte sich in die Höhen eines Gebirges zurückgezogen, um Buße zu tun und seine Sünden zu beweinen. Es war seine Gewohnheit, sich des Nachts zu erheben und im Gebet den Himmel mit seinen Sternen zu betrachten, um so Kraft für sein Beten zu empfangen. Wenn er den Morgen dämmern sah, gedachte er des Todes, der Tagesanbruch für die Gerechten ist, die dieses Lebens Finsternis verlassen, um in den Tag des ewigen Glanzes und der Seligkeit hinüberzugehen.
Während dieser Mann so dahinlebte, geschah es, dass Bösewichter kamen, ihn ergriffen und in den Kerker warfen. Hier konnte er weder Licht noch Morgendämmern sehen. Der Kerker gehörte aber zu einer Burg, von deren Zinnen jeden Morgen ein Horn den Tagesanbruch verkündete. Bei diesem Klange freute sich der Mann, denn es brachte ihm die Tage seines Wohlergehens in den Sinn, und er gedachte froh der guten Absicht seines Herzens und der glücklichen Todesgedanken, als er noch in den Bergen war.
Da geschah es, als er sich eines Tages wieder des lichtkündenden Hornklanges erfreute, dass eine große Schlange in seinen Kerker drang und sich auf den Knienden stürzte. Und während noch das morgendliche Horn erklang, umwickelte die Schlange den Hals des guten Mannes und würgte ihn. Sie tat das, damit er sich nicht immer wieder am Tagesanbruch freue, statt seine Sünden zu beweinen und Gottes Gericht zu fürchten. Sie tat es, damit er des Erbarmens Unserer Lieben Frau gedenke.

So beendeten Preiser, Frau Gebet, Herzenskunde und der Eremit ihr Gespräch. Frau Gebet aber sprach zu Unserer Lieben Frau: - Königin, die du die Krone des Erbarmens trägst, die Krone deiner Güte, Größe, Heiligkeit, Jungfräulichkeit und Gerechtigkeit! Das Morgendämmern ist, du weißt es, zwischen Nacht und Tag, doch mehr neigt es zum Tage als zur Nacht, denn seine Bestimmung ist es, den Tag zu bringen, nicht aber die Nacht. Königin, so wie das Morgendämmern stehst du zwischen deinem Sohn, dem Glanz des Tage und der Nacht der Sünder mit ihrem Sündendunkel. Doch gleichst du, Königin, dem Sohn mehr als dem Sünder. Darum schenk den Sündern deines Sohnes Licht, und lass sie nicht im Finstern.


in: Erika Lorenz: Der nahe Gott, Freiburg/Br. 1985

 

Ramon Llull

Geboren um 1232 auf Mallorca, und am dortigen Königshof Troubadour, Ritter und Prinzenerzieher, später Ehemann und Vater. Eine unerwartete Christusbegegnung bewirkte in ihm eine radikale Umkehr. Ramon wurde zu einem „Troubadour Christi“, der Bücher schrieb und durch die Welt reiste, um den christlichen Glauben zu verbreiten. Studien an der Sorbonne, Paris, wo er zugleich lernte und lehrte. Die Basis seiner Philosophie und Logik ist grundsätzlich kontemplativ und weist eine für das Mittelalter erstaunliche Toleranz gegenüber anderen Glaubensüberzeugungen auf. Er starb um 1316, vermutlich von Steinwürfen erbitterter Feinde tödlich getroffen.