An Gottes Gegenwart denken

Die heiligste und wichtigste Übung im geistlichen Leben ist der Gedanke an die Gegenwart Gottes. Sie besteht darin, dass man sich angewöhnt, gern in Gesellschaft mit ihm zu sein, dabei in Schlichtheit und Ehrlichkeit zu ihm zu sprechen und liebevoll bei ihm zu verweilen, ohne Reglement und ohne auf ein bestimmtes Gebetspensum achten zu müssen.
Es ist ein großer Irrtum zu glauben, die Zeiten des Gebets müssten sich von den übrigen Zeiten unterscheiden. Nein. Es ist uns aufgegeben, in der Zeit der Arbeit mit der Arbeit bei Gott zu sein und zur Zeit des Gebets mit dem Gebet.
Mein Beten ist nichts anderes als an Gottes Gegenwart zu denken.

Auf dem Weg zu Gott

Auf dem Weg zu Gott zählen Gedanken wenig, die Liebe ist alles. Und es ist nicht nötig, mit großartigen Aufgaben betraut zu sein. Ich wende mein kleines Omelette in der Pfanne aus Liebe zu Gott… Wenn ich nichts anderes tun kann, ist es genug für mich, aus Liebe zu Gott einen Strohhalm vom Boden aufzuheben.
Man sucht Methoden, um Gott lieben zu lernen und macht wer-weiß-was für Übungen. Man gibt sich mit verschiedensten Techniken viel Mühe. Doch ist es nicht viel schneller und direkter, einfach alles aus Liebe zu Gott zu tun? Ihm zu dienen in allen Arbeiten? Sich seiner Gegenwart in uns zu vergewissern durch die Verbindung unseres Herzens mit ihm? Dazu braucht man keine Finessen. Man muss sich nur einfachen Herzens ihm zuwenden.

Einkehr

Wir müssen während unserer Arbeit und unserer sonstigen Tätigkeit, selbst wenn wir lesen oder schreiben, also auch, wenn es sich um geistige Dinge handelt, ja sogar während unserer Andachten und gesprochenen Gebete, ab und zu, sooft wir können, einen kleinen Augenblick innehalten, um uns im Grunde unseres Herzens Gott zuzuwenden, uns seiner – ganz geheim, wie im Vorübergehen – zu vergewissern. Wenn Sie wissen, dass Sie alles vor dem liebenden Angesicht Gottes tun und dass er sich im tiefsten Grunde Ihres Herzens befindet, warum sollten Sie dann nicht wenigstens von Zeit zu Zeit Ihre Beschäftigungen – und selbst Ihre rezitierten Gebete – unterbrechen, um sich innerlich zu ihm hinzuwenden, ihm etwas Schönes zu seinem Lob zu sagen, ihn um etwas zu bitten, ihm Ihr Herz hinzuhalten oder ihm Ihre Dankbarkeit zu zeigen? Was kann Gott lieber sein, als dass wir auf diese Art im Laufe des Tages immer wieder einmal aus unserer Alltagswelt aufschauen, um in unser Inneres einzukehren und uns von dorther ihm zuzukehren, zumal dadurch doch das Kreisen um das eigene Ich, wie es unter uns Geschöpfen üblich ist, aufgebrochen wird und die innere Rückkehr zu Gott uns selber mehr und mehr in die Freiheit führt.

 

Bruder Lorenz von der Auferstehung

Geboren 1614 in Lothringen, mit bürgerlichem Namen
Nicolas Herman.
Ab 1632 diente er als Soldat im Dreißigjährigen Krieg, wo er 1635 eine schwere Verwundung erlitt.
1640 bat er um Aufnahme als Laienbruder bei den unbeschuhten Karmeliten in Paris. Er wählte den Mönchsnamen Lorenz von der Auferstehung. Fünfzehn Jahre lang war er Koch des Klosters und verantwortlich für die Verköstigung von täglich etwa hundert Personen. Später, wohl aufgrund seines steifen Beins und des daraus herrührenden Hüftleidens wurde ihm die (sitzende) Tätigkeit des Sandalenschusters zugewiesen. Er starb 1691.
Bruder Lorenz wurde als kontaktfreudiger und freundlicher Mitbruder beschrieben, der sich die Einfachheit des gewöhnlichen Lebens bewahrt hatte und dessen Verhalten keinerlei Eigenartigkeiten zeigte.
Seine Briefe und andere kleine Schriften, in denen er Anleitung zum inneren Beten gibt, gehören in ihrer klaren und schlichten Ausdrucksweise zu den Perlen christlicher Spiritualität.