Gegenwart Gottes

Gott kann in der menschlichen Seele auf drei verschiedene Weisen gegenwärtig sein. Die erste ist die wesentliche, die nicht nur in guten und heiligen Menschen vorhanden ist, sondern auch in den schlechten, sündigen und in allen anderen Lebewesen. Durch diese seine heilige Gegenwart gibt Er allem Sein und Leben. Wenn das nicht so wäre, würde alles zu sein aufhören. In dieser Weise ist Gott stets in jeder Seele gegenwärtig.

Eine zweite Weise der heiligen Gegenwart Gottes in der Seele ereignet sich durch Gnade. In dieser Seele wohnt Gott gerne und freudig. Doch diese Art des Gegenwärtigseins Gottes besitzen nicht alle Menschen …

Und dann gibt es noch eine dritte Einwohnung Gottes im Menschen, nämlich die der geistigen Zuneigung durch Liebe. Gott schenkt in ihr den vielen sich Ihm vollkommen hingebenden Menschen seine geistige Gegenwart in solcher Weise, dass er sie erquickt, entzückt und erfreut.

Diese wie alle anderen Weisen der heiligen Gegenwart und Einwohnung Gottes sind und bleiben verborgen. Denn Gott kann sich uns 
nicht zeigen, wie Er in seiner Herrlichkeit ist, da die Verfassung unseres Erdenseins dies nicht ertragen könnte …

Und trotzdem hat der Mensch immer wieder die große Sehnsucht, Gott möge nicht nur auf natürliche, geistige oder liebeerfüllende Weise verhüllt in ihm weilen, sondern sich ihm unverhüllt offenbaren, damit er sein Göttliches Sein begreifen und Seine Schönheit sehen kann. Denn wie Gott durch sein heiliges Gegenwärtigsein in der Seele das natürliche Leben verleiht und sie dazu noch mit seiner Gnadengegenwart vervollkommnen will, so möge Er sie umhüllen mit seiner sich offenbarenden Herrlichkeit. (Der geistliche Gesang, 11, 3f)

Anweisungen und Richtlinien zur Überwindung der schädigenden Begierden

Willst du dahin gelangen, alles zu verkosten,
so suche in nichts Genuss;
willst du dahin gelangen, alles zu wissen;
verlange in nichts etwas zu wissen;
willst du dahin gelangen, alles zu besitzen,
verlange in nichts etwas zu besitzen,
willst du dahin gelangen, alles zu sein,
verlange in nichts etwas zu sein;

und
willst du erlangen, was du nicht genießest,
musst du hingehen, wo du nichts genießest;
willst du zu dem gelangen, was du nicht weißt,
musst du hingehen, wo du nichts weißt;
willst du  zu dem gelangen, was du nicht besitzest,
musst du hingehen, wo du nichts besitzest;
willst du erlangen, was du nicht bist.
musst du hingehen, wo du nichts bist.

Nur in solch einer demütigen Losgelöstheit findet der Geist seine Ruhe und Erquickung; verlangt er nämlich nach nichts, so kann ihn auch nichts ermüden ….
Hier ruht er in der Mitte seiner Demut. (Aufstieg auf den Berg Karmel, I. 13-14)


in: Juan de la Cruz: Gotteserfahrung; übers. und hg. von Johannes Boldt, Frankfurt/M.- Leipzig 1996

 

Johannes vom Kreuz

Bevor Johannes (1542 - 1592) die Priesterweihe empfing (1567), war er Handwerker, Krankenpfleger, Schüler der Jesuiten. 1563 Eintritt in das Kloster der Karmeliten. Sein Orden sendet ihn zum Studium nach Salamanca, der traditionellen Hochburg der Scholastik. Bestimmend für ihn wird das kontemplative Leben; er unterstützt das Reformwerk der Teresa von Avila im Karmeliterorden. Heftige grundsätzliche Auseinandersetzungen mit Ordensangehörigen führen zur Inhaftierung in einem Ordensgefängnis in Toledo. Hier, unter unwürdigsten Verhältnissen und angesichts der Dunkelheiten seines Lebens, entwirft Juan de la Cruz ein poetisches Werk, das ihn von jetzt an durch das Leben begleiten wird. Das Gedicht „In einer dunklen Nacht“ und der „Geistliche Gesang“ entstehen noch im Gefängnis, weitere wichtige Werke („Lebendige Liebesflamme“, „Aufstieg zum Berge Karmel“, „Dunkle Nacht der Seele“) schreibt er in den folgenden Jahren, nachdem ihm die Flucht aus dem Gefängnis gelungen ist und er in Andalusien seine Arbeit für den Orden wieder aufnehmen kann. In seinen Dichtungen spricht Johannes vom Kreuz von der „dunklen Nacht der Sinne“, sodann von der „dunklen Nacht des Geistes“. Diese „Nächte“ sind Phasen eines Reinigungsprozesses, den die menschliche Seele zu durchlaufen hat. Die Reinigung mündet ein in die Erleuchtung und schließlich in die Vereinigung mit Gott. Eine wichtige Feststellung in seinen Kommentaren besteht darin, dass alle Gottesvorstellungen gelöscht werden müssen, will der Mensch um auf dem inneren Weg vorankommen.