Was Beschauung sei

Zwei Arten von Beschauung sind: Die eine liegt im Anfang und geht von der Betrachtung der Geschöpfe aus; die andere kommt zuletzt: es ist diejenige, worin die Vollkommenen „Gott schauen“.

Man kann auch drei Arten unterscheiden: Betrachtung, einfacher Blick, Schauung.
In der Betrachtung wird das zu frommer Andacht entzündete Gemüt noch von unzeitiger Störung fleischlicher Leidenschaften verwirrt und verdunkelt.
Beim einfachen Blick erhebt ein neues, bisher ungewohntes Schauen zu Bewunderung.
Bei der Schauung wird die Seele durch die Erfahrung einer wundersamen Süßigkeit ganz in Freude und Lust gewandelt.
Ist also Betrachtung bezeichnet durch unruhigen Eifer, so der einfache Blick durch Bewunderung, die Schauung durch heilige Lust

Das Wesen Gottes ist unfassbar für die menschliche Vernunft, die nur erfasst, was sie kennt. Die aber den Geist Gottes in sich haben, haben auch Gott: Sie sehen Gott, weil sie ein erleuchtetes Auge haben, mit dem Gott geschaut werden kann; und sie nehmen ihn wahr nicht in einem anderen oder in der Art eines anderen, das nicht er selbst wäre, sondern ihn selbst und in ihm selbst, was er ist: weil er gegenwärtig ist.

Wie Gott in seinen Geschöpfen sei

In dreifachem Sinn kann man sagen, dass Gott in seinen Geschöpfen sei:
Zunächst ist er in allem nach Macht und Wesenheit“ – und das will dasselbe besagen, da die göttliche Macht nichts anderes ist als seine Wesenheit und umgekehrt. Aber was bedeutet es, Gott sei „wesenhaft“ in aller Kreatur? Manche meinen, man dürfe nicht fragen, da man es in diesem Leben nicht wissen könne. Aber wenn ich etwas glaube und weiß nicht einmal den Sinn, so ist das ein blindes Glauben und passt nicht zu Hirten, sondern zu Eseln, die 
mit Rindern weiden.

Sicher kann Gott nicht so in den Geschöpfen sein, wie etwas im Raume ist. Zwar ist er in allem, aber unmittelbar, ohne Zwischenglied es lenkend und im Sein erhaltend. Wie die Seele in allen Teilen des Leibes ganz ist und bei ihrem Weichen der Leib tot und zu Staub wird (woraus sie sich als das Leben des Leibes erweist) – so ist Gott mit seiner ganzen Wesenheit in aller Kreatur, indem er ihr das Sein gibt, von dem sie sich nicht trennen könnte, ohne in völliges Nichts zu sinken (wie der Leib, dessen Leben die Seele ist, bei ihrem Weggang zu Staub wird). Wie aber Gott das Geschaffene lenkt und erhält , auch unseren Leib und die Seele, das weiß ich nicht; doch ist Gott in diesem Sinne (sie lenkend und erhaltend) „wesenhaft“ in seinen Geschöpfen.
Sodann ist Gott in manchen Geschöpfen durch die „innewohnende Gnade“: in vernunftbegabten, seien es Menschen oder Engel.

Schließlich ist er durch persönliche Einigung“ in einem Geschöpfe: in jener menschlichen Natur allein, die er in Christus angenommen hat.



in: Der mystische Strom, Textauswahl v. Otto Karrer / bearb. v. Klaus Dahme, Salzburg 1986

 

Hugo von St. Victor

Hugo, geboren um 1096, war ein Enkel des Bischofs von Halberstatt und wurde im Augustinerstift Hamersleben, Sachsen, erzogen.
Um 1113 Eintritt in das Augustinerchorherrenstift St. Victor bei Paris. Bedeutender Lehrer an der Klosterschule und einflussreiches Schuloberhaupt der „Victoriner“. Vielseitiger philosophischer und theologischer Schriftsteller.
Hugo steht in der neuplatonischen Tradition und wurde von Augustinus und Dionysius vom Areopag stark geprägt. Seine Schriften zählen zu den bedeutendsten des frühen Mittelalters und hatten nachhaltige Wirkung, teils über seinen Nachfolger Richard von St. Victor, auf die mittelalterliche Mystik.
Gestorben 1141 in Paris.