O edelste Grüne

O edelste Grüne
Du wurzelst in der Sonne
Und leuchtest in schneeiger Klarheit
In dem kreisenden Rade,
Das irdische Größe nimmer begreift.
Dich umfängt die Umarmung
Der Geheimnisse Gottes.
Wie Morgenglühen errötest du
Und brennst wie die Flamme der Sonne.

Hocherhaben ist der Lichtkreis über der Erde

Hocherhaben ist der Lichtkreis über der Erde, so hoch, dass du seine Höhe nicht begreifen kannst. So sehr überragt die göttliche Macht alles Leben der Geschöpfe und alles Empfinden und Erkennen des Menschen, und so unausdenkbar ist sie in allem und über allem, dass kein geschaffenes Wesen sie ausmessen kann. Selbst die höchste Fassungskraft vermag nur zu erkennen, dass Gott erhaben ist über jegliches Begreifen

Diese Worte mögen meine Schafe hören

Viele suchen mich mit hingegebenem, reinem und einfältigem Herzen und halten mich fest, wenn sie mich gefunden haben. Viele aber wollen ihr Spiel mit mir treiben. Ohne Anstrengung der Seele und des Denkens wollen sie an mich herantreten. Sie überlegen nicht, dass sie mich zuerst anrufen und das Sinnen ihres Leibes erwägen sollten. Sie wollen mich nur in Besitz nehmen. Wie ein aus schwerem Schlafe Erwachender stürzen sie sich in der plötzlichen Aufwallung des Truges und der Täuschung auf den Weg der Heiligkeit, so wie sie ihn sich selber ausdenken…
Diese Worte mögen meine Schafe hören, und wer immer Ohren des inneren Geistes hat, der nehme sie auf. Denn es gefällt mir, wenn die Menschen, die mich erkennen und lieben, also wirken, dass sie innerlich erfassen, was sie in den Gnadengaben des Heiligen Geistes tun sollen.

 

Hildegard von Bingen

Hildegard (1098 – 1179) führte zunächst ein verborgenes Leben als Benediktinerin und Äbtissin eines kleinen Frauenklosters im Nahetal. Im 43. Lebensjahr erhielt sie nach eigenen Aussagen von Gott den Auftrag, ihre zahlreichen Visionen schriftlich festzuhalten. Nach anfänglichem Zögern schrieb sie zehn Jahre lang an dem Visionswerk „Scivias“ (Wisse die Wege). 1147 anerkannte Papst Eugen III. auf der Synode zu Trier ihre Sehergabe. Von da an verbreitete sich ihr Ruhm im ganzen Abendland. Sie verfasste mehrere Bücher, daneben Texte und Musik von zahlreichen Liedern. Ein umfangreicher Briefwechsel ist bis heute erhalten. Bei der Lektüre ihrer Schriften erstaunt vor allem der ganzheitliche Ansatz ihrer Betrachtungsweise, die Zusammenschau von göttlicher, kosmischer und seelisch-körperlicher Ebene.