Gott sucht den Menschen

Wenn wir fliehen,
Du folgst uns nach;
kehren wir den Rücken,
Du trittst uns vors Angesicht;
Du flehst voller Demut,
aber Du wirst verachtet.
Doch weder Beschämung noch Verachtung
kann Dich dahin bringen,
Dich abzuwenden;
Du bist unermüdlich,
uns zu jenen Freuden zu ziehen,
die kein Auge gesehen,
die kein Ohr gehört hat
und die noch nie in eines Menschen Herz
gekommen sind.

Gertrud von Helfta (Gesandter der göttlichen Liebe II)

Gottähnlichkeit

Der Fisch kann im Wasser nicht ertrinken,
der Vogel in den Lüften nicht versinken,
das Gold ist im Feuer nie vergangen,
denn es wird dort Klarheit und leuchtenden Glanz empfangen.
Gott hat allen Kreaturen das gegeben, dass sie ihrer Natur gemäß leben.
Wie könnte ich denn meiner Natur widerstehn?
Ich muss von allen Dingen hinweg zu Gott hingehn,
der mein Vater ist von Natur,
mein Bruder nach seiner Menschheit,
mein Bräutigam von Minnen,
und ich seine Braut ohne Beginnen.
Wähnt ihr nicht, ich würde diese Natur nicht fühlen?
Gott kann beides: kräftig brennen und tröstlich kühlen.

Mechthild von Magdeburg (Das fließende Licht der Gottheit, I)

Rechtfertigung und Heiligung

Am Fest der Verkündigung Mariä, da die Jungfrau Christi (gemeint ist Mechthild) im Gebet war und in der Bitterkeit ihrer Seele ihre Sünden betrachtete, sah sie sich angetan mit einem Aschengewand, und es fiel in ihr Gebet das Wort: „Gerechtigkeit ist der Gurt seiner Lenden“ (Jes 11,5), und sie begann nachzudenken, was sie tun würde, wenn der Herr, mit Gerechtigkeit gegürtet, in Majestät und göttlicher Macht erschiene, ihr, die so nachlässig gewesen war … Da erblickte sie den Herrn auf hohem Throne sitzend, und vor seinem wundersamen Anblick wurde die Asche zunichte, sie aber stand in seiner Gegenwart leuchtend wie Gold. Da begriff sie, dass alles Gute, was sie versäumt, durch den heiligen Wandel Christi und seine vollkommenen Werke nachgeholt sei, und all ihre Unvollkommenheit durch die allerhöchste Vollkommenheit des Sohnes Gottes vervollkommnet.
Wenn also Gott mit dem Auge der Erbarmung eine Seele anblickt und sich über sie neigt, um ihr zu vergeben, dann werden alle Vergehen ewigem Vergessen überantwortet.

Mechthild von Hackeborn (Das Buch vom strömenden Lob)

 

Die Frauen von Helfta

1229 gründeten Graf Burckhard von Mansfeld und seine Frau Elisabeth in der Nähe ihrer Burg im sächsischen Thüringen einen Konvent für Zisterzienserinnen. 1258 wurde der Konvent nach Helfta verlegt, wo er, stark unterstützt vom sächsischen Adel und unter der erfolgreichen und hochgebildeten Äbtissin Gertrud, zu voller Blüte erwuchs. Das alte monastische Ideal der Verbindung von Gottverlangen und Liebe zur Wissenschaft, das in Helfta praktiziert wurde, sollte reiche Frucht bringen. 1247 wurde Mechthild von Hackeborn (1240-98), Gertruds jüngere Schwester, in den Konvent aufgenommen. Sie wuchs darin auf und wurde Lehrerin der jungen Nonnen. Ab 1292 teilte sie mündlich ihre mystischen Erfahrungen mit, die dann von zwei Ordensfrauen (eine davon vermutlich Gertrud die Große) aufgeschrieben wurden.
Gertrud kam 1261, als Fünfjährige ins Kloster. Sie ging als die berühmteste Heilige von Helfta, als Gertrud die Große (1256-1301) in die Geschichte ein.
Gegen 1270 trat auch die betagte Begine Mechthild von Magdeburg der Gemeinschaft bei und verfasste hier das siebte Buch ihres Fließenden Lichts der Gottheit.
Die Schriften aller drei Frauen gelten als Höhepunkt deutscher Frauenmystik.