Über die souveräne Seele

Begreife doch einmal, was die Seele im Innersten ausmacht, was das ist: Seele! Die Seele ist ein Wesen, das von Gott gesehen werden kann und das wiederum selbst Gott sehen kann. Die Seele ist auch ein Wesen, das Gott zu gefallen wünscht und das über sich eine gerechte Herrschaft ausübt, insofern sie nicht durch etwas Fremdes, das unterhalb ihrer Würde liegt, geschwächt wird.

Wo es so um die Seele steht, da ist sie eine Grundlosigkeit, in der sich Gott selbst wohlgefällt und wo Er das Wohlbehagen, das Er an sich selbst hat, andauernd in vollkommener Weise in ihr findet und sie umgekehrt auch andauernd in Ihm.

Die Seele ist ein Weg, über den Gott aus seinen tiefsten Tiefen in seine Freiheit gelangt,; und Gott ist ein Weg, über den die Seele in ihre Freiheit gelangt, und das bedeutet: in seinen Grund, der nicht berührt werden kann, es sei denn, sie berühre Ihn mit ihrer eigenen Tiefe. Und wäre Gott ihr nicht ganz und gar zu eigen, es würde ihr nicht genügen.


in: Gerald Hofmann (Hg.): Hadewijch. Buch der Briefe, St. Ottilien 2010


Was ein Wallfahrer zu Gott berücksichtigen soll

Ein Pilger, der lange unterwegs ist, hat neun Aufgaben.
Die erste besteht darin, dass er nach dem Weg fragt.
Die zweite, dass er sich gute Reisegefährten sucht.
Die dritte, dass er sich vor Dieben hütet.
Die vierte, dass er sich vor Unmäßigkeit beim Essen in Acht nimmt.
Die fünfte, dass er seine Kleider schürzt und sich fest gürtet.
Die sechste besteht darin, dass er sich, wenn er bergauf geht, tief vornüberbeugt.
Die siebte, dass er beim Abstieg vom Berg dann aufrecht geht.
Die achte, dass er nach dem Gebet guter Menschen verlangt.
Die neunte, dass er gerne über Gott spricht.

Ebenso verhält es sich auch mit unserer Wallfahrt zu Gott, auf der wir durch vollkommene Taten der Liebe das Reich Gottes zu erreichen suchen und auf seine 
Gerechtigkeit aus sein sollen …

Zum Schluss ermahne ich dich im Namen der heiligen Liebe Gottes, dass du deine Wallfahrt in vorbildlicher und makelloser Weise antrittst, ohne den Verdruss und die Beschwernis, die mit der Eigenwilligkeit einhergehen, sondern mit einer liebenswürdigen, friedlichen und freundlichen Geisteshaltung. Ziehe durch dieses fremde Land mit einer so aufrichtigen, so lauteren und  so glühenden Gesinnung, dass du am Ende Gott, deinen Geliebten, findest.


in: Gerald Hofmann (Hg.): Hadewijch. Buch der Briefe, St. Ottilien 2010

Wenn die Seele allein steht

Wenn die Seele allein steht
in der uferlosen Ewigkeit,
weit geworden,
gerettet durch die Einheit,
die sie aufnimmt,
dann wird ihr etwas Einfaches enthüllt,
das Unaussprechliche,

das reine und nackte Nichts.
 

Hadewijch von Antwerpen

Hadewijch lebte in der ersten Hälfte des 13. Jh. als Begine, wahrscheinlich in der Nähe von Antwerpen. Ihr Bildung und ihre Kenntnis der französischen höfischen Dichtung lassen auf eine adlige Abstammung schließen.
Ihre Briefe zeigen, dass sie die Leitung eines Beginenhofes innehatte, jedoch so starken Widerstand erfuhr, dass sie sich zu einem Wanderleben gedrängt sah.
Ihre Werke scheinen kaum vor Mitte des 14. Jh. gesammelt worden zu sein und sind nur in fünf Manuskripten erhalten. Erst im Lauf des 19. Jahrhunderts erfuhr sie Wertschätzung als eine der größten Mystikerinnen des Mittelalters.
Hadewijchs literarische Meisterschaft übertrifft die Stilkraft jeder anderen mittelalterlichen Mystikerin. In ihren Visionen, Gedichten und spirituellen Briefen beschreibt sie den Weg des Aufstiegs und der mystischen Einung der Seele mit Gott als einen Weg, der als direkte Nachfolge des Lebens Jesu Christi vollzogen werden kann.
Zentraler Begriff in ihrem Werk ist die minne, aufgefasst als mystische Liebe zwischen Gott und der Seele. Bei vielen Gelegenheiten setzt sie die minne mit Gott, gelegentlich spezifischer mit dem Sohn oder dem Heiligen Geist, gleich. Minne ist auch die göttliche Kraft, die überall im geschaffenen Universum am Werk ist.