Der Weg zur Transzendenz

Das Leben des Mönchs, d. h. des Mönchs in uns allen, ist ein Weg zur Transzendenz. Karl Rahner hat den Menschen als Wesen beschrieben, das mit der Fähigkeit zur Selbsttranszendenz ausgestattet ist. Wir sind auf ein isoliertes Selbst zurückgefallen, das von allem übrigen und dem Urgrund und Ursprung unseres Seins getrennt ist. Wir müssen dieses isolierte Selbst transzendieren, dieses Ego, das unser wahres Sein verhüllt und uns Gott, der Welt, dem Leben und der Wahrheit öffnen, die überall und in jedem Menschen verborgen liegt.

Dieses isolierte Selbst ist der Ursprung alles Bösen. Es ist nicht so, dass das Selbst an sich böse ist. Wir benötigen ein Ego, ein individualisiertes Selbst. Ein Kind muss heranwachsen und sich seiner selbst bewusst werden. Es muss sich von seiner Mutter trennen und ein Individuum werden.
Wir aber verschließen uns in unserem Ego, und dies trennt uns von den anderen und von Gott. Durch die Gnade Gottes, die wir im Gebet und in der Meditation empfangen, können wir dieses Ego überwinden.

Der Weg zur Transzendenz ist der Weg der Liebe.
Lieben heißt, sich selbst zu erweitern, sich der Unendlichkeit des Seins zu öffnen, die in uns und um uns herum ist; diese Unendlichkeit des Seins in der Liebe meinen wir, wenn wir von Gott sprechen.
Unser ganzes Sein nimmt dann eine kreative Entwicklung, es erfährt eine Vertiefung der integralen Harmonie von Herz und Verstand.

Kontemplation

Kontemplation ist das Erwachen zur Gegenwart Gottes im Herzen des Menschen und im uns umgebenden Universum.
Kontemplation ist Erkenntnis im Zustand der Liebe.


in: Bede Griffiths: Göttliche Gegenwart, hg. von Roland R. Ropers; Augsburg 1997

 

Bede Griffiths

Der englische Benediktinerpater Bede Griffiths (1906-1993) folgte 1955 einigen seiner Ordensbrüder nach Südindien, wo er, ohne seine christlichen Wurzeln und sein Mönchtum je zu verleugnen, das Leben seiner indischen Freunde teilte. Er war zu der Überzeugung gelangt, dass der Seele des westlichen Menschen „die andere Hälfte“ fehle, wenn sie die rational bestimmte Seite ihres Wesens nicht durch tiefer liegende Dimensionen des Unbewussten ergänze, wie sie durch die Spiritualität des Ostens repräsentiert werden.
In einem christlich-hinduistischen Ashram praktizierte Griffiths jahrzehntelang die Gemeinschaft der Religionen und wurde zu einem großen Versöhner der Weltreligionen und Erneuerer des kontemplativen Lebens.
Er vollendete sein Leben in Indien, zwei Wochen vor Pfingsten, in der Erwartung des Heiligen Geistes.