Basis Demut

Die Demut ist Basis und Unterbau des ganzen Gebäudes, auf sie muss sich alle geistliche Übung stützen. Nur aus ihrer Wurzel können dem Baum Früchte erwachsen. Sie ist das Tor zum religiösen Leben, denn sie gleicht dem ersten Schritte Christi in die Welt. Das heißt für jeden, der ein gottgefälliges Leben führen möchte, dass er für seine Person bescheiden sei und nicht wunder was erwarte, denn immer war Demut Voraussetzung der Heiligkeit.

Der heiligste Mensch hat sie am nötigsten, denn je höher ein Baum wächst oder je mächtiger ein Haus ist, umso tiefer müssen die Wurzeln oder die Baugrube sein. Genau betrachtet, kannst du erkennen, dass die Heiligsten die Demütigsten waren.

Die Demut gleicht der Kontemplation so sehr, dass man auf sie fast wörtlich anwenden kann, was Johannes der Täufer sagte: ‚Er (Sie) muss wachsen, ich aber muss abnehmen.’ Ist doch das Ziel der Demut, den Menschen von sich selbst frei zu machen. Nichts anderes tut die kontemplative Versenkung, sie treibt die Icherfülltheit aus, damit Gott Raum habe in unserem Herzen.

in: Erika Lorenz: Der nahe Gott, Freiburg/Br. 1985

Blind, taub, stumm

Uns wird geraten, im Innern stumm zu sein, kein Wort, auch nicht das vergeistigste zu reden. Je größer das Schweigen ist, in dem wir zu Gott beten, umso deutlicher hört er uns und umso eher gewährt er unsere Bitte. (….) Und der Herr gibt denen, die schweigen, schnell, was sie ersehnen.

Wir müssen hervorheben, dass der Stumme natürlicherweise auch taub ist. Übertragen besagt das für uns, dass der im Innern Stumme, der keine Gedanken mehr formt, auch taub sein muss für alles, was von außen auf ihn eindringen und ihn beunruhigen will.

Ebenso müssen wir die drei Worte - blind, taub, stumm – auf unsere Seelenvermögen anwenden: der Verstand sei blind, indem er sein Wissen, das ihn ablenken könnte, nicht benutzt; der Wille sei taub für die von Gott hinwegführende Liebe zu den Geschöpfen; das Gedächtnis sei stumm, erzeuge keine inneren Reden, damit Jesus eintreten kann: waren doch auch die drei Türen des Abendmahlsaales geschlossen, als der Auferstandene zu den Jüngern trat. Nur durch die Tür der inneren Zuwendung kommt Gott in die Seele.

in: Erika Lorenz: Der nahe Gott, Freiburg/Br. 1985

 

Francisco de Osuna

Der Franziskanermönch Francisco de Osuna (1492 - um 1542) studierte an der Humanistenuniversität von Alcalá. Nach seiner Priesterweihe führte er im kastilischen Kloster La Salceda ein asketisches, streng zurückgezogenes Leben. Dort schrieb er sein „Drittes Geistliches Abecedarium“, das bis ins nächste Jahrhundert hinein zur erfolgreichsten mystischen Gebetslehre wurde. Die in diesem Traktat in Sinnsprüchen manifestierte Buchstabensymbolik, die letztlich auf Gott als das allumfassende A und O verweist, hatte große Auswirkungen auf die ganze spanische Mystik.
Osuna lehnte es ab, die ihm angebotenen hohen Ämter zu bekleiden, unternahm aber ausgedehnte Reisen nach Frankreich, Flandern, Köln und Aachen, was seine innere Beziehung zur niederländisch-deutschen Mystik noch verstärkte.