Einfachheit

Die Vollkommenheit der Seele besteht in der Vereinigung mit Gott, die wir nicht erreichen mit Viel-Wissen, wohl aber mit Viel-Tun. Gehen wir daher mit recht großer Einfachheit an diese heilige Aufgabe heran.
Wer sich nämlich fortwährend nach dem kürzesten Weg in die Stadt erkundigt, dem kann es widerfahren, dass er später hinkommt als andere, die auf der Straße geblieben sind, weil der eine sagt: Sie gehen falsch, Sie machen einen Umweg; der andere: Sie müssen zurückgehen und dann in den und den Weg einbiegen. Man kehrt dann um und geht daher wieder zurück, und so kommt man nicht vorwärts, wenn man viel fragt.
Wer nach dem Weg zum Himmel gefragt wird, hat eigentlich ganz recht, wenn er so antwortet wie jener, der gesagt hat: Wenn Sie dahin gehen wollen, dann müssen Sie immer geradeaus gehen, immer einen Fuß vor den andern setzen, dann kommen Sie schon hin, wohin Sie wollen.

(Geistliche Gespräche)

Die Liebe des einfachen Menschen

Solange ein Kind noch ganz klein ist, ist es ganz Einfachheit, es hat nur eine einzige Erkenntnis: die Mutter; nur ein Verlangen: die Brust der Mutter. An diese Brust gelegt, ist es wunschlos.
Die vollkommen einfache Seele hat auch nur eine Liebe: Gott.
Und diese Liebe hat wiederum nur ein Verlangen: Ruhen an der Brust des himmlischen Vaters, dort als wahrhaft liebendes Kind wohnen,
dem guten Vater alles Sorgen um das eigene Wohl überlassen.
Sie ist nur noch auf eines bedacht: sich dieses heilige Vertrauen zu erhalten.

(Geistliche Gespräche)

Herzensgebet

Vor allem aber empfehle ich dir das Gebet des Geistes und des Herzens, ganz besonders jenes, das zum Gegenstand das Leben und Leiden des Heilands hat. Wenn du ihn oft betrachtest, wird deine Seele von ihm erfüllt, du lernst seine Art und Weise kennen und deine Handlungen nach den seinen formen.

(Philothea)

Das Wesen Gottes schauen

Der geschaffene Geist kann das Wesen Gottes nur dann ohne Vermittlung eines Bildes oder einer Vorstellung schauen, wenn er durch außerordentliche Erleuchtung dazu befähigt wird. Denn wie die Sehkraft der Eule gerade ausreicht, um das schwache Licht einer heiteren Nacht zu ertragen, nicht die Helle des Mittags, so ist unser Geist zwar stark genug, um natürliche Wahrheiten und im Licht des Glaubens sogar übernatürliche Dinge zu erkennen, doch er vermag sich nicht zur Anschauung der göttlichen Wesenheit zu erheben; dazu reicht weder die natürliche Erkenntnis noch die Glaubenserkenntnis hin.

(Philothea)

 

Franz von Sales

Franz von Sales (1567 – 1622) stammte aus einem Adelsgeschlecht aus Savoyen und erhielt er eine ausgezeichnete Schulbildung in Paris.
Als Missionar in der kalvinisch gewordenen Provinz Chablais, als  Bischof von Genf (seit 1602), als Seelenführer und geistlicher Schriftsteller war sein Leben ganz der vielfältigen seelsorglichen Anliegen seiner Diözese gewidmet. Innige Freundschaft verband Franz von Sales mit der verwitweten Baronin Johanna Franziska de Chantal, mit der zusammen er die Ordensgemeinschaft der Schwestern von der Heimsuchung Mariens (Salesianerinnen) gründete.
Die vielen uns erhaltenen Briefe und Werke sind von weltoffener Frömmigkeit und Optimismus geprägt. Die „Anleitung zum frommen Leben“ („Philothea“) gehörte einst zu den meistgelesen Büchern und hat Franz von Sales weit über die Grenzen Frankreichs bekannt gemacht.