Der Sonnengesang

Du höchster, mächtigster, guter Herr, Dir sind die Lieder des Lobes, Ruhm und Ehre und jeglicher Dank geweiht. Dir nur gebühren sie, Höchster, und kein Mensch ist würdig, dich nur zu nennen.

Gelobt seist Du, mein Herr, mit allen Wesen, die du geschaffen hast, vor allem der edlen Herrin, der Schwester Sonne. Denn sie ist der Tag und spendet Licht uns durch sich. Sie ist schön und strahlend in großem Glanz. Dein Gleichnis ist sie, Erhabener.

Gelobt seist Du, mein Herr, durch Bruder Mond und die Sterne. Am Himmel hast Du sie gebildet, hell leuchtend, kostbar und schön.

Gelobt seist Du, mein Herr, durch Bruder Wind und durch Luft und Wolken und heiteren Himmel und jegliches Wetter, durch welches du Deinen Geschöpfen den Unterhalt gibst

Gepriesen seist Du, mein Herr, durch Schwester Wasser, gar nützlich ist sie und demütig und rein.

Gepriesen seist du, mein Herr, durch Bruder Feuer, durch den Du die Nacht erleuchtest, er ist schön und liebenswürdig und kraftvoll und stark.

Gepriesen seist Du, mein Herr, durch unsere Schwester, die Mutter Erde. Sie ernährt und lenkt uns und bringt vielfältige Früchte hervor und bunte Blumen und Kräuter.

Gepriesen seist Du, mein Herr, durch jene, die verzeihen um Deiner Liebe willen, die Schwachheit ertragen und Bedrängnis. Selig sind die, die solches ertragen in Frieden, denn sie werden von Dir, Erhabener, gekrönt.

Gepriesen seist Du, mein Herr, durch unseren Bruder, den leiblichen Tod; ihm kann kein Mensch lebend entrinnen. Wehe jenen, die in schweren Sünden sterben. Selig jene, die sich in Deinem allheiligen Willen finden, denn der zweite Tod wird ihnen kein Leid antun.

Lobt und preist meinen Herrn, dankt und dient Ihm mit großer Demut.

 

Franz von Assisi

Giovanni Bernardone wurde 1181/82 in Assisi als Sohn eines reichen Tuchhändlers geboren. Nach einem Bekehrungserlebnis trennte er sich von seinem Vater und begann das Leben eines Wanderpredigers zu führen, ab 1209 in Gemeinschaft mit Gefährten. Daraus entstand der Orden der „Minderen Brüder“ (Minoriten), deren Ideal die Armut war. Später gründete er zusammen mit Klara von Assisi als weibliche Entsprechung den Klarissenorden, ferner für Laien den „Dritten Orden“. Vor seinem Tod empfing er die Wundmale Christi. Er starb am 3. Oktober 1126 in Assisi.
Außer den Ordensregeln sind von Franziskus Worte der Mahnung, Briefe und Gebete (darunter auch der „Sonnengesang“) erhalten. Die lebendige Ausstrahlung der Gestalt des Heiligen durch die Jahrhunderte geht weit über die Texte hinaus.