aus: "Der Spiegel der zunichte gewordenen Seelen und derer, die nur im Willen und Begehren der Liebe bleiben"

Die Seele spricht von ihrem Geliebten, und das tut sie so: Er ist, sagt die Seele, und daran fehlt es ihm niemals. Und ich bin nicht, und so fehlt es auch mir an nichts. Und er hat mir Frieden gegeben, und ich lebe nur von diesem Frieden, der durch seine Gaben in meiner Seele geboren wurde ohne Denken.

Denken bedeutet mir nichts mehr, auch Tun und Reden nicht. Die Liebe hat mich so emporgehoben – denken nützt mir da nichts mehr -, durch ihren göttlichen Anblick sind alle Wünsche verflogen. Denken ist bedeutungslos geworden, so wie auch mein Tun und Reden.
Die Liebe ließ mich durch ihr Entgegenkommen diese Liedverse erfinden. Dies geschieht durch die reine Gottheit, von der die Vernunft nicht zu sprechen versteht. Und durch meinen einzigen Freund, der keine Mutter hat und der hervorgegangen ist aus Gott, dem Vater, und auch Gott, dem Sohn. Sein Name ist Heiliger Geist, mit dem ich in meinem Herzen so verbunden bin, dass es mich mit Freude erfüllt. Dies ist das Weideland, das der Liebende in Liebe gibt. Ich will nichts von ihm erbitten, dies wäre eine allzu große Übeltat, ich will mich lieber anvertrauen dieser Liebe des Liebenden.

Ein sehr langer Weg führt aus dem Land der Tugenden, in dem die Verirrten sich aufhalten, zu demjenigen der Vergessenen und der vernichtigten Nackten oder der Verklärten, die sich im höchsten Zustand befinden, da wo Gott in ihm selbst, aus ihm selbst gelassen wird. Er wird dann von jenen Kreaturen nicht erkannt, nicht geliebt und nicht gelobt, einzig nur insofern man ihn nicht erkennen, nicht lieben und nicht loben kann: Das ist der Inbegriff ihrer ganzen Liebe und das letzte Stück des Weges.
(...)
Wenn du das nicht verstehst, kann ich dir nicht helfen. Das ist ein wunderbares Buch, und darüber kann man dir nichts sagen, es sei denn, man lüge.
 

Marguerite Porete

Von ihrem persönlichen Leben wissen wir nur wenig. Geboren wurde sie zwischen 1250 und 1260, wahrscheinlich im Norden Frankreichs. Ihr hoher Bildungsstand lässt auf eine Herkunft aus der Oberschicht schließen.
Die kühne und kompromisslose Spiritualität, die Marguerite in ihrem Buch Der Spiegel der einfachen Seelen darlegt, rief die Inquisitoren von Paris auf den Plan und führte zu ihrer Verhaftung. Da sie sich weigerte, während ihrer Gefangenschaft mit den Inquisitoren zu sprechen bzw. den Inhalt ihres Buches in einzelnen Aussagen zu widerrufen, wurde sie als Häretikerin verurteilt und am 1. Juni 1310 in Paris, zusammen mit dem Buch verbrannt.
Dennoch ist der Spiegel in nicht weniger als fünf Fassungen in vier Sprachen mit 13 Manuskripten erhalten geblieben. Somit gehört diese Schrift zu den am weitest verbreiteten mystischen Texten des Mittelalters.