Meisterworte

An den Höhepunkten seiner Ausführungen zum geistlichen Leben formuliert Cassian Worte, die dem Koan sehr nahe kommen:


"Niemand ist dein Feind – außer du selbst bist dein Feind."

"Gipfelpunkte sind Fallgruben."

"Du willst deinen Weg finden? – Verlasse deinen Weg!"

Immerwährendes Gebet

Schlicht und gleichzeitig von großer Wirksamkeit ist Cassians Weisung, in jeder Situation und im Rhythmus des Atems das immerwährende Gebet zu meditieren:

Gott, komm mir zu Hilfe,
Herr, eile mir helfen.

„Nicht zu Unrecht wurde nämlich dieser Vers aus dem ganzen Rüstzeug der Schriften ausgewählt. Denn er nimmt alle Regungen, deren die menschliche Natur fähig ist, in sich auf und passt sich jeder Lage und Begebenheit ganz entsprechend an.
Gegen alle Gefahren hat er die Anrufung Gottes.
Er hat die Demut des frommen Bekenntnisses wie die Wachsamkeit der Sorge und immerwährender Furcht.
Er hat die Betrachtung der eigenen Gebrechlichkeit, das Vertrauen auf Erhörung und die Zuversicht auf immer gegenwärtigen und daseienden Schutz. Wer nämlich seinen Schützer stetig anruft, ist überzeugt, dass er immer gegenwärtig ist.
Er hat die Glut der Liebe, die Beobachtung der Nachstellungen und die Furcht vor den Feinden, von denen er sich Tag und Nacht umringt sieht, und daher bekennt er, dass er ohne die Hilfe seines Verteidigers nicht frei werden kann."

Die Schrift verstehen

"Wenn du die wahre Wissenschaft und Kenntnis der heiligen Schrift  erlangen willst, beeile dich zuerst, dir eine unerschütterliche Demut des Herzens anzueignen. Diese wird dich zur echten Wissenschaft führen, nicht zu jener, die aufbläht, sondern zu der, die erleuchtet durch eine verzehrende Liebe."

 

Johannes Cassianus

Cassian (ca. 360-435), ein direkter Zeitgenosse des hl. Augustinus, stammte vermutlich aus einer wohlhabenden Familie aus dem Gebiet von Marseille. Wie sich aus seinem eigenen Werk ergibt, genoss er eine im damaligen Sinn klassische Bildung. Seine Muttersprache war Latein, Griechisch sprach er fließend.
In Bethlehem und bei den Mönchen Ägyptens lernte er klösterliches Gemeinschaftsleben und das Leben der Eremiten kennen. In Rom setzte er sich für seinen Lehrer Johannes Chrysostomos ein, der am kaiserlichen Hof in Ungnade gefallen war, weil er die Prunksucht der Kaiserin kritisierte.
Um 415 ließ er sich in Marseille nieder. Sein Lebenswerk vollendete er mit der Gründung eines Frauen- und eines Männerklosters in Marseille.
Cassian verfasste bis heute gültige Grundlagenwerke des geistlichen Lebens. Seine Schriften waren für mehr als ein Jahrtausend die wichtigste Klammer zwischen östlichem und westlichem Mönchtum.