Eckharts Rede von Gott

Obwohl einmal etwas Anderes besser erscheinen mag, so wäre es für dich doch nicht so gut; denn Gott will diese Weise und nicht eine andere Weise; so muss diese Weise für dich die beste sein. Sei es Krankheit oder Armut oder Hunger oder Durst oder was immer: Was Gott über dich verhängt oder nicht verhängt, oder was dir Gott gibt oder nicht gibt, das alles ist für dich das Beste. Sei es Andacht oder Innerlichkeit, wenn du beide nicht hast, und was immer du hast oder nicht hast: Versetze dich voll und ganz da hinein, dass du Gottes Ehre in allen Dingen im Sinn hast. Was er für dich dann tut, das ist das Beste.

Wer richtig ist, wahrhaftig, der ist an allen Orten und unter allen Menschen richtig. […] Wer aber richtig ist, der hat Gott in Wahrheit bei sich. Wer aber Gott richtig in der Wahrheit hat, der hat ihn an allen Orten, auf der Straße und unter allen Menschen ebenso wie in der Kirche, in der Einsiedelei oder in der Klosterzelle. Wenn er ihn nur richtig hat und alleine ihn hat, so kann den Menschen niemand behindern. […]
Da hat er nur Gott und meint nur Gott, und so werden ihm alle Dinge lauter Gott. Dieser Mensch trägt Gott in all seinen Taten und an allen Orten, und alle Taten dieses Menschen wirkt nur Gott.

Du sollst in allen Werken ein gleichbleibendes Gemüt haben und ein gleichmäßiges Vertrauen und eine gleichmäßige Liebe zu deinem Gott und einen gleichbleibenden Ernst. Könntest du in dieser Weise gleich gestimmt sein, wahrlich, so könnte dich niemand dem gegenwärtigen Gott gegenüber hindern.

Das wahre Haben Gottes liegt im Gemüt und in einer inneren vernunftbestimmten Hinwendung und einem Streben zu Gott, nicht in einem stetigen, gleichbleibenden An-Gott-Denken; denn es wäre der menschlichen Natur unmöglich, Gott so im Sinn zu behalten oder sehr schwer und auch nicht das Beste. Der Mensch soll keinen gedachten Gott haben und sich damit auch nicht begnügen; denn wenn der Gedanke vergeht, vergeht auch Gott. Sondern man soll einen an-wesenden Gott haben, der weit über den Gedanken des Menschen und aller Geschöpfe ist, Dieser Gott vergeht nicht, es sei denn, der Mensch wendet sich willentlich ab.



in: Karl Heinz Witte, Meister Eckhart: Leben aus dem Grunde des Lebens, Freiburg/München 2013

 

Meister Eckhart

Eckhart wurde um 1260 in Thüringen geboren. Er durchlief die Stufenleitern der akademischen Karriere und die Ämter seines Ordens, der Dominikaner. Bereits 1294 wird er in seiner Funktion als Dozent an der theologischen Universität Paris genannt. Zwischen1314 und 1322 wirkte er für den Orden von Straßburg aus, als Generalvikar und als geistlicher Betreuer der Dominikanerinnenklöster dieser Region.
Missdeutungen führten dazu, dass gegen ihn ein Inquisitionsverfahren eingeleitet, und im März 1329 in der Bulle „In agro dominico“ 28 seiner Thesen verurteilt wurden. Dieses Urteil erlebte Meister Eckhart allerdings nicht mehr: Er starb im April 1328.
Meister Eckhart gilt als einer der größten deutschen Mystiker. Als Philosoph, Prediger und Seelenführer hat die Religions- und Philosophiegeschichte bis heute fasziniert und beeinflusst. Seine Berühmtheit erlangte er aufgrund seiner in Nachschriften erhaltenen deutschsprachigen Predigten und Traktate.