Verschmelzung mit dem Allgut

Einmal, da meine Seele erhoben wurde, erblickte ich Gott in einer Klarheit und Fülle, wie ich ihn nie zuvor geschaut hatte. Ich sah hier nicht nur nicht Liebe, sondern ich verlor zugleich jene Liebe, die ich früher gehegt hatte, und ward versetzt in einen Zustand des Nichtliebens.

Danach erblickte ich ihn in einer Finsternis – Finsternis, sage ich, weil er ein Gut ist über alles Denken und Fassen, und möchte man fassen und begreifen was immer, es reicht nicht an ihn hinan.

Und die Seele empfand einen unverrückbaren Glauben und eine sichere, starke Hoffnung und eine Zuversicht in Gott, so unbedingt, dass alle Furcht zu Ende ist …

Bei solcher Schauung ist die Seele nicht einmal des Gedankens fähig, dass sie jemals jenes höchste Gut verlassen 
oder von ihm verlassen werden könnte. Sie wird in diesem Allgut unsagbar entzückt;, sie sieht kein Mittel, es mit dem Munde zu sagen oder auch nur mit dem Herzen zu fassen – sie sieht nichts und sieht doch alles in allem. …

Es ist ein Schauen der Seele, nicht des Leibes. Der Leib ruht und schlummert, die Zunge ist gelähmt, die Rede verstummt. Alle Liebeserweise, deren Gott mir so viele und unsagbare erwiesen hat, und alle zärtlichen Worte, die er an mich gerichtet, sind ein Geringes, gegen jenes hohe Gut, das ich in Finsternis erschaue.

in: Otto Karrer (Hg.): Der mystische Strom, Salzburg 1986

 

Angela von Foligno

Angela (1248 – 1309) wurde in Foligno, in der Nähe von Assisi geboren. Sie stammte aus einer wohlhabenden Familie, war zunächst verheiratet und hatte mehrere Kinder. Im Jahr 1285 kam es zu einer Art Bekehrung: Sie gelobte lebenslange Armut und Keuschheit und änderte ihr Leben radikal. Den überraschenden Tod aller ihrer Familienangehörigen empfand sie als „Befreiung“. Sie verteilte ihren gesamten Besitz und trat dem „Dritten Orden“ des hl. Franziskus bei. Von jetzt an kümmerte sie sich besonders um die Pflege Aussätziger. Angela sammelte Schüler um sich und war hoch angesehen. Ihre theologischen Schriften wurden durch die Jahrhunderte in Abschriften verbreitet und erreichten hohe Beliebtheit. Eine von ihrem Beichtvater posthum herausgegebene Autobiografie beschreibt die ekstatischen Erfahrungen der 1693 selig gesprochenen Mystikerin.