Lasst euch finden

Geht in euren Tag hinaus ohne vorgefasste Ideen,
ohne die Erwartung von Müdigkeit,
ohne Plan von Gott; ohne Bescheidwissen über ihn,
ohne Enthusiasmus,
ohne Bibliothek -
geht so auf die Begegnung mit ihm zu.

Brecht auf ohne Landkarte -
und wisst, dass Gott unterwegs zu finden ist,
und nicht erst am Ziel.
Versucht nicht, ihn nach Originalrezepten zu finden,
sondern lasst euch von ihm finden
in der Armut eines banalen Lebens.

Gott allein bleibt für immer jung

Gott allein bleibt für immer jung.
Und eine unserer schlimmsten Hilflosigkeiten zeigt sich darin, dass
wir ihn der Welt als alten Mann vorstellen, der sich durch zu erwartende künftige Änderungen beunruhigen und durch Erinnerungen an Vergangenes rühren lässt. Unser Gang ins ewige Leben müsste die wahre Jugend der Welt sein.
Wir müssten den zeitlichen Dingen ihr wahres Ausmaß von Gott her geben.

Der Glaube

Der Glaube ist in der Zeit und für die Zeit;
jene Zeit nämlich, in der sich dieses menschliche Leben abspielt.
Man könnte sagen: Der Glaube ist die Liebe Gottes, die sich in diese Zeit einbringt; der Glaube ist der zeitliche Einsatz der Liebe Gottes.
Und insofern es sich um unsere Zeit handelt, so wird der Glaube von uns nur dann kraftvoll gelebt, wenn er uns erleuchtet und stärkt im Jetzigen, Augenblicklichen, Unmittelbaren.

Lass Gott wirken

Lass Gott wirken; dann erst wirke du,
wenn es noch etwas zu bewirken gibt.

Als dem kleinen Mönch besondere Ideen für seine Mönche kamen.

 

Madeleine Delbrêl

Geboren 1904 in Südfrankreich, als einziges Kind intellektueller, religiös wenig interessierter Eltern. Außergewöhnlich begabt im schriftstellerischen, musikalischen und künstlerischen Bereich. Bereits mit 16 Jahren studiert Madeleine Kunst und Philosophie an der Pariser Universität.
Die entscheidende Wende in ihrem Leben ereignet sich, als sie zwanzig ist: Ihr Freund löst die Verlobung auf und tritt in den Dominikanerorden ein.
Sie beabsichtigt, ebenfalls in ein Kloster zu gehen, bleibt jedoch zunächst bei ihrem inzwischen pflegebedürftigen Vater. 1933 geht sie nach Ivry, der ersten kommunistisch regierten Stadt Frankreichs, und gründet dort gemeinsam mit anderen Frauen eine religiöse Gemeinschaft, ohne Regeln, ohne äußere Kennzeichen, ohne Gelübde. Unter härtesten Lebensbedingungen teilen die Frauen das Leben der „kleinen Leute von der Straße“ und verkörpern mit ihrem sozialen und politischen Engagement das Christentum im atheistischen Milieu.

Die nach dem Tod Delbrêls (1964) veröffentlichten Notizen, Gebete und Gedichte sind voller Dichte und Kraft und zeugen von einer kontemplativen Lebenshaltung, die mitten im Alltag, an jedem Ort und zu jeder Zeit Aktualität gewinnen kann.