Kostbarer Augenblick!

Alle Geschöpfe leben in Gottes Hand. Zwar nehmen die Sinne bloß das Wirken der Geschöpfe wahr; doch der Glaube sieht in allem Gott wirken. (…)
Kein Augenblick verrinnt, wo sich Gott nicht in Gestalt irgendeiner Unannehmlichkeit, einer Tröstung oder einer Pflicht kundgäbe. Alles, was in uns, um uns und durch uns geschieht, enthält und verhüllt sein göttliches Wirken. Wahrhaft und wirklich ist es darin vorhanden, wenn auch mit unsichtbarer Gegenwart. Daher kommt es, dass wir immer überrascht sind und erst, wenn es vorüber ist, erkennen, dass Gott in uns wirkte. Könnten wir durch den Schleier hindurch sehen und hätten wir genügsam acht, offenbarte sich uns Gott unablässig. (…)
Der gegenwärtige Augenblick gleicht einem Gesandten, der den Auftrag Gottes übermitteln soll. Das Herz spricht dabei fortwährend sein Fiat – Mir geschehe. So zieht sich die Seele durch alle Geschehnisse in ihr Inneres zurück und nähert sich damit ihrem Ziel. Nie hält sie dabei inne. Alle Wege und Weisen führen sie gleichermaßen in die Weite und in die unendliche Tiefe. Alles dient ihr als Mittel. Alles handhabt sie unterschiedslos als Werkzeug der Heiligkeit. Das einzig Notwendige sieht sie stets im Gegenwärtigen. (…)
Kostbarer Augenblick! Klein bist du in den Augen der Welt, doch groß im Auge, das der Glaube erleuchtet.

Du suchst Gott, und dabei ist er überall

Gott weilt wahrhaft an diesem Ort, und ich wusste es nicht“, sprach einst Jakob. So suchst auch du Gott, teure Seele, und dabei ist er überall. Alles verkündet ihn dir. Alles schenkt ihn dir. Er ging dir zur Seite, er umgab dich, er durchdrang dich und weilte in dir, ja er bleibt in dir: und du suchtest ihn! Du bemühtest dich um eine Vorstellung von Gott, und besaßest ihn dabei wesentlich! Du jagst der Vollkommenheit nach, indes sie in allem liegt, was dir ungesucht begegnet! In Gestalt deiner Leiden, deines Tuns, der Antriebe, die du empfängst, tritt dir Gott selber entgegen.

Die einzige Richtschnur

Bei der Hingabe bildet der gegenwärtige Augenblick die einzige Richtschnur. Die Seele verhält sich dabei leicht wie eine Feder, flüssig wie Wasser, schlicht wie ein Kind. Sie bleibt beweglich wie ein Ball, um jeden Antrieb der Gnade zu empfangen und auszuführen. Flüssigem Metall gleich, weisen solche Seelen keinen Widerstand und keine Härten mehr auf. Wie dieses alle Formen des Modells annimmt, in den man es gießt, so nehmen sie widerstandslos alle Formen an, die Gott ihnen geben will. Ihre Haltung gleicht der Luft, die jedem Windhauch offen steht; sie gleicht dem Wasser, das sich an jedes Gefäß anschmiegt

 

Jean-Pierre de Caussade

Jean Pierre de Caussade (1675 – 1749 oder 1751) gehört zur klassischen Schule des Frömmigkeitslebens in Frankreich im 17. Jahrhundert. Er trat als Neunzehnjähriger in Toulouse in die Gesellschaft Jesu ein, empfing 1705 die Priesterweihe und wirkte zunächst acht Jahre lang als Lehrer an verschiedenen Gymnasien seines Ordens. Danach begann er eine rege Tätigkeit als Prediger, Beichtvater und Exerzitienleiter, die ihn quer durch ganz Frankreich führte. Ab 1741 war er Vorsteher der Ordenskollegien von Perpignan und Albi und zuletzt Spiritual von Studierenden in Toulouse. In einem zu seinen Lebzeiten erschienenen Büchlein sowie in zahlreichen Briefen und Vorträgen beschreibt Caussade in immer neuen Wendungen und Formulierungen seinen Grundgedanken: In den vergangenen Augenblicken meines Lebens vermag ich nicht mehr Gottes Willen zu erfüllen, weil sie bereits entschwunden sind, und die Zukunft ist noch nicht so in meine Gewalt gegeben, dass ich in ihr schon zum voraus Verdienste erwerben könnte. Einzig der stets flüchtige gegenwärtige Augenblick gibt mir die Möglichkeit, an meiner Vervollkommnung und Heiligung zu arbeiten.