Es ist in dir

Der Jünger sprach zum Meister:
Wie mag ich kommen zu dem übersinnlichen Leben,
dass ich Gott sehe und höre reden?
Der Meister sprach:
Wenn du dich magst einen Augenblick in das
schwingen, da keine Kreatur wohnet,
so hörest du, was Gott redet.
Der Jünger sprach:
Ist das nahe oder ferne?
Der Meister sprach:
Es ist in dir, und so du magst eine Stunde schweigen
von allem deinem Wollen und Sinnen,
so wirst du unaussprechliche Worte Gottes hören.

So nennet man hiermit den ganzen Gott

Wiewohl Fleisch und Blut das göttliche Wesen nicht ergreifen kann,
sondern der Geist, wenn er von Gott erleuchtet und angezündet wird; -
so man aber will von Gott reden, was Gott sei,
so muss man fleißig erwägen die Kräfte der Natur;
dazu die ganze Schöpfung, Himmel und Erden,
sowohl Sternen und Elementen und die Kreaturen, so aus denselben sind herkommen,
sowohl auch die heiligen Engel, Teufel und Menschen,
auch Himmel und Hölle …

So man nennet Himmel und Erde und Elemente, und alles, was darinnen ist, und alles, was über den Himmeln ist, so nennet man hiermit den ganzen Gott, der sich in diesem Wesen in seiner Kraft, die von ihm ausgehet, also kreatürlich gemacht hat.

Die Vernunft soll nicht bei der Außenwelt stehenbleiben

Die Vernunft soll nicht bei der Außenwelt stehenbleiben, sonst findet sie nichts als dass sie erkennt, dass eine verborgene Kraft und Macht existieren muss, die unergründlich und nicht zu durchforschen ist, welche alle Dinge so geschaffen hat.

Dabei lässt sie es bewenden und läuft im Geschöpf hin und her, wie ein Vogel in der Luft fliegt, und sieht es an wie die Kuh die neue Stalltür; und beschaut sich selber niemals, was sie selbst ist; und sie kommt selten so weit, dass sie erkennt, dass der Mensch ein Bild aus allen diesen Wesen ist.

Sie will ihren Schöpfer nicht kennen lernen, und wenn es geschieht, dass ein Mensch dazu kommt, dass er ihn kennen lernt, dann nennt sie ihn närrisch und verbietet ihm das edle Begreifen von Gott, rechnet es ihm wohl noch als Sünde an und verspottet ihn.

Forsche nach dem Baum

Also, mein liebes Gemüte, forsche nach dem Baum des christlichen Glaubens recht. Er stehet nicht in dieser Welt.
Wohl muss er in dir sein,
aber du musst mit dem Baume mit Christus in Gott sein,
also dass dir diese Welt nur anhange,
wie denn sie Christus auch nur anhing.
Doch nicht also zu verstehen, dass diese Welt vor Gott nichts taugte oder nicht nütze wäre.
Sie ist das große Mysterium.

 

Jakob Böhme

Jakob Böhme (1575 – 1624) gilt als die Leitgestalt der protestantischen Mystik des 17. Jh. Geboren im niederschlesischen Görlitz, als Kind eines begüterten Freibauern. Der empfindsame und geistig rege Knabe war von schwacher körperlicher Konstitution und daher für den Bauernberuf nicht geeignet. Er wurde in die Schule geschickt, später in die dreijährige Schusterlehre.
Nach den Wanderjahren Meisterrechte, Heirat mit einer Görlitzer Bürgertochter und Familiengründung.

Spiritueller Durchbruch im Jahr 1600, eine übersinnliche Erfahrung, die er später mit eigenen Worten beschrieb: „…ist mir die Pforte eröffnet worden, dass ich in einer Viertelstunde mehr gesehen und gewusst habe, als wenn ich wäre viel Jahr auf hohen Schulen gewesen…“
1612, von Januar bis Juni, schrieb er sein erstes Werk: „Aurora oder die Morgenröte im Aufgang“, das alle wesentlichen Anschauungen seiner späteren Traktate enthält und ihn über Nacht zum Unruhestifter und bekannten Philosophen machte.

Die Mystik und Metaphysik Böhmes hat ihren Ausgangspunkt in einer geistigen Schau der letzten Wirklichkeit Gottes. Diese kann nicht vom menschlichen Ich erkannt werden, sondern nur von jenem Funken und jener Kraft Gottes, der geheimnisvoll in der innersten Mitte des Menschen verborgen ist.

Bereits zu seinen Lebzeiten bildete sich in Schlesien ein Kreis theosophischer und mystischer Sucher, die für die Sammlung der kursierenden Handschriften sorgten und sein Werk in mehreren Ausgaben und zahlreichen Übersetzungen in Umlauf brachten. Dies ermöglichte einen nachhaltigen und in der Wirkungsgeschichte eines Mystikers einzigartigen Einfluss auf Philosophen, Theologen und spirituell suchende Menschen nachfolgender Generationen.