Gott suchen

Gott suchen ist ein hohes Gut. Ich möchte es keinem anderen Gut der Seele hintansetzen. Die erste ist es unter den Gaben, der letzte unter den Fortschritten. Keiner unter den Tugenden muss es den Vortritt lassen; denn Gottsuchen ist der Anfang aller Tugenden. Und keiner muss es in die Fußstapfen treten, da alle in ihm ihre Vollendung finden.

Welche Tugend könnte man überhaupt jemandem zuschreiben, wenn ihm das Gottsuchen mangelte? Und wo ist die Grenze für den, der das Gottsuchen übt? Heißt es doch im Psalm: „Sucht sein Angesicht allezeit!“

Ich glaube, selbst wenn einer seinen Gott gefunden hat, wird er nicht ablassen, ihn zu suchen. Suchen – nicht mit flüchtigem Fuß, sondern mit der Sehnsucht des Herzens.

Die Seligkeit des Findens löscht die heilige Sehnsucht nicht aus, sondern entfacht sie von Neuem. Oder sollte doch die Fülle der Freude das Ende des Verlangens sein? – Im Gegenteil! Sie ist Öl auf die Flamme, welche da Sehnsucht heißt.


So ist es: Die Freude wird einmal voll sein. Aber des Verlangens und somit des Gottsuchens wird ewig kein Ende sein.

Einwohnung Gottes

Engel und Erzengel sind uns nahe. Aber Gott ist uns näher. Er ist nicht nur bei uns, sondern in uns. Freilich ist mir nicht unbekannt, dass auch Engel uns einwohnen, kenne ich doch das Wort: „Ein Engel hat in mir gesprochen, freundliche Worte, tröstliche Worte“ (Sach 1,14).

Doch ist auch hier zu unterscheiden. Ein Engel kann durch seine Einwohnung uns Gutes nahelegen, aber er kann es uns nicht einflößen. Er kann zum Guten mahnen, aber er kann es nicht schaffen.

Gott hingegen wohnt so in uns, dass er uns anregt und uns zugleich eingießt.
Oder besser, dass er selbst sich uns eingießt und uns Anteil von sich gibt, sodass einer es wagte zu sagen, Gott sei dann eins mit unserem Geist, wenn auch nicht eins der Person oder dem Wesen nach. (…)

So wird der Engel der Seele zum Zeltgenossen, Gott aber wird ihr zum Leben.
Wie die Seele in den Augen sieht, im ganzen Körper empfindet, so wirkt auch Gott verschieden in den verschiedenen Geisteswesen. Dem einen erweist er sich als belebende Kraft, dem anderen als Licht der Erkenntnis, jedem in anderer Weise, wie einem jeden die Offenbarung des Geistes zum allgemeinen Nutzen gegeben wird.


in: Bernhard von Clairvaux, ausgewählt von Gerhard Wehr, Wiesbaden 2012

 

Bernhard von Clairvaux

Bernhard (1090 – 1153) stammte aus dem burgundischen Hochadel. 1112 trat er in das Kloster Cîteaux ein und wurde bereits drei Jahre später zum Vorsteher der Abtei von Clairvaux ernannt, die sich unter seiner Leitung zur bedeutendsten Abtei des Zisterzienserordens entwickelte. Als Zeitgenosse seines unruhigen Zeitalters war Bernhard selbst ein Rastloser, Beunruhigter, der zeitlebens mit der eigenen Zerrissenheit zu kämpfen hatte. Einerseits ernsthaft bemüht, die Gottes- und Menschenliebe mit ganzer Hingabe zu praktizieren, verbrauchte er sich andererseits im Vielerlei weltlicher Aufgaben und Beschäftigungen eines Abtes, unternahm ausgedehnte Reisen, beteiligte sich an theologischen Kontroversen und in der Kirchenpolitik, engagierte sich als Kreuzzugsprediger und Mitinitiator jener problematischen Unternehmungen, kämpfte gegen (vermeintliche) Irrlehren. Vor diesem Hintergrund hebt sich Bernhard als charismatischer Prediger, Mystiker, religiöser Schriftsteller ab. In der zehnbändigen lateinisch-deutschen Ausgabe seiner sämtlichen Werke sind allein drei Bände dem Briefwerk gewidmet. Diese Schreiben beglaubigen Bernhard als eine Jahrhundertgestalt mit Autorität, deren Stimme überall gehört wurde.