Über den Aufstieg der Beschauung

Für den Menschen nach seiner Anlage ist die Gesamtheit des Geschaffenen eine Leiter, um zu Gott hinanzusteigen. Da sind „Spuren“ und da sind „Bilder“, da ist Körperwelt und da ist Geisteswelt, da ist Zeitliches und da ist Ewiges, da ist Äußeres und ist Inneres, und alles soll uns hinführen zur Betrachtung des ersten Ursprungs und Prinzips, des durchaus Geistigen und Ewigen über uns.
Darum aber müssen wir uns erheben über das, was nur „Spur“ ist, über Körperwelt und Zeitliches und Äußeres …
Aus dem Sichtbaren erhebt sich der Geist, zu betrachten die Macht, Weisheit und Güte Gottes, des Unendlichen, Lebendigen, Erkennenden, des Geistigen, Unsterblichen, Unwandelbaren…

Frage die Gnade

Freund, schreite rüstig voran auf dem Wege mystischer Erleuchtungen.
Verlasse die Sinne und die Tätigkeiten des Verstandes, das Sichtbare und das Unsichtbare …
Willst du aber wissen, wie das geschieht,
dann frage die Gnade, nicht die Wissenschaft;
die Sehnsucht, nicht den Verstand;
das Seufzen des Gebets, nicht das forschende Lesen;
den Bräutigam, nicht den Lehrer;
Gott, nicht den Menschen;
die Dunkelheit, nicht die Helle;
nicht das Licht, sondern das Feuer,
das ganz und gar entflammt
und durch mystische Salbung und brennende Liebe
in Gott umgestaltet.

 

Bonaventura

Giovanni di Fidenza (*um 1221, † 1274) wurde als Sohn eines Arztes in der Nähe von Viterbo, Italien, geboren. Er studierte zunächst die allgemeinen Wissenschaften an der Pariser Universität. Vermutlich im Jahr 1243 trat er unter dem Namen Bonaventura dem Franziskaner-Minoritenorden bei. 1256 promovierte er in Philosophie und Theologie und lehrte, gemeinsam mit Thomas von Aquin am Pariser Institut für arme Theologiestudenten (später „Sorbonne“).
In seinem berühmten „Pilgerbuch der Seele zu Gott“ beschreibt Bonaventura in sechs Stufen den Weg des inneren Aufstiegs. Dabei spiegeln die mystischen Texte seine persönliche Suche nach den Möglichkeiten der Seele wider, Gott zu erkennen und mit ihm eins zu werden und sind somit ein Bekenntnis seines eigenen Erfahrungsweges wie auch Ratschlag für seine Mit- und Nachwelt.