Ich liebe dich

Was aber liebe ich, da ich dich liebe?
Nicht die Schönheit eines Körpers noch den Rhythmus der bewegten Zeit,
nicht den Glanz des Lichtes, der da so lieb den Augen;
nicht die süßen Melodien in der Welt des Tönens aller Art;
nicht der Blumen, Salben, Spezereien Wohlgeruch;
nicht Manna und nicht Honig,
nicht Leibesglieder, die köstlich sind der fleischlichen Umarmung:
Nichts von alledem liebe ich, wenn ich liebe meinen Gott.

Und dennoch liebe ich ein Licht und einen Klang und einen Duft
und eine Speise und Umarmung meines inneren Menschen.
Dort erstrahlt meiner Seele, was kein Raum erfasst;
dort erklingt, was keine Zeit entführt;
dort duftet, was kein Wind verweht;
dort mundet, was keine Sattheit vergällt;
dort schmiegt sich an, was kein Überdruss auseinanderlöst.

Das ist es, was ich liebe, wenn ich liebe meinen Gott.


in: Augustinus: Bekenntnisse. Aus dem Lateinischen von Joseph Bernhart, Frankfurt/M. 2007

Marthas Dienst

Es soll niemand in dem Sinn beschaulich leben, dass er in seiner Muße nicht auf den Nutzen des Nächsten bedacht wäre. Und anderseits soll auch der Mensch nicht in der Weise tätig sein, dass er gar nicht nach der Gottesschau begehrte. Seine Muße soll nicht eine tatenlose Ruhe sein, sondern entweder Suchen oder Finden der Wahrheit, und zwar in der Weise, dass er den Gewinn aus seinem eigenen Wachstum und seiner persönlichen Festigung auch dem Nächsten zugute kommen lasse.

Zwei Leben sind uns dargestellt an Christi Leib: das eine zeitlich, darin wir Mühe haben; das andere ewig, darin wir Gottes Wonne schauen. Jenes stellt der Herr uns dar in seinem Leiden, dies in seiner Auferstehung.

Zwei Lebewesen waren in jenem Hause, beide untadelig, beide lobwürdig; zwei Lebensformen, und mit ihnen die Quelle des Lebens: in Martha das Bild des gegenwärtigen, in Maria das Bild des künftigen. Beide waren Freundinnen des Herrn, beide liebenswürdig, beide seine Jüngerinnen.

Was Martha tat, das sind wir. Was Maria tat, das hoffen wir.
Tun wir das eine gut, damit wir das andere erhalten in Fülle!


in: Der mystische Strom. hg. von Otto Karrer, bearb. von Klaus Dahme; Salzburg 1986

Verloren

Solltest du einmal sagen: „Es ist genug“, wärest du verloren.

(Sermo 169; in: Bernhard McGinn, Die Mystik im Abendland I; Freiburg/Br. 1994)

 

Augustinus

Der in Tagaste (Nordafrika) geborene Aurelius Augustinus (354 bis 430) gehört zu den größten Gestalten des Christentums. Seine Bedeutung für die Kirche als wegweisender Theologe und Philosoph kann kaum überschätzt werden.
Seine Genialität erstreckt sich auf viele grundlegende religiöse Themen, wobei er dem mystischen Element im Christentum besondere Beachtung schenkte. Fast alle späteren abendländischen Mystiker bezogen sich auf die geistlichen Erfahrungen Augustins, die in seinen Niederschriften, vor allem in seinem bedeutsamen Bekenntnisbuch (Confessiones) dargelegt sind. In diesem Sinn wird er heute zuweilen der „Vater der christlichen Mystik“ (J. Burnaby) genannt.