Was Gott ist, weiß man nicht

 Was Gott ist, weiß man nicht: er ist nicht Licht, nicht Geist,
Nicht Wahrheit, Einheit, Eins, nicht was man Gottheit heißt.

Man kann den höchsten Gott mit allen Namen nennen,
Man kann ihm wiederum nicht einen zuerkennen.

Ich bin nicht außer Gott, und Gott nicht außer mir,
Ich bin sein Glanz und Licht, und er ist meine Zier.

Gott ist noch mehr in mir, als wenn das ganze Meer
In einem kleinen Schwamm ganz und beisammen wär.

Wer Gott um Gaben bitt’t, der ist gar übel dran:
Er betet das Geschöpf und nicht den Schöpfer an.

Ich weiß nicht, was ich bin: ich bin nicht, was ich weiß:
Ein Ding und nicht ein Ding, ein Pünktchen und ein Kreis.

Halt an, wo läufst du hin, der Himmel ist in dir:
Suchst du Gott anderswo, du fehlst ihn für und für.

Nichts ist, das dich bewegt, du selber bist das Rad,
Das aus sich selbsten läuft und keine Ruhe hat.

Die Ros’ ist ohn’ Warum, sie blühet, weil sie blühet,
Sie acht’ nicht ihrer selbst; fragt nicht, ob man sie siehet.

Soll ich mein letztes End und ersten Anfang finden,
So muss ich mich in Gott und Gott in mir ergründen

Und werden das, was er: ich muss ein Schein im Schein,
Ich muss ein Wort im Wort, ein Gott im Gotte sein.

Freund, es ist auch genug: Im Fall du mehr willst lesen,
So geh und werde selbst die Schrift und auch das Wesen.


aus: Der cherubinische Wandersmann, in: Hubertus Halbfas: Das Christentum, Düsseldorf 2004



 

Angelus Silesius

Johannes Scheffler (1624 – 1677), nach seiner Konversion zum Katholizismus bekannt als „Angelus Silesius“, war ein Landsmann des Görlitzer Schusters Jakob Böhme (1575 – 1624), der an der Spitze der evangelischen Mystik steht. In seinem berühmten Cherubinischen Wandersmann schöpfte Scheffler aus der geistigen Hinterlassenschaft Böhmes sowie aus vielen anderen Quellen der Tradition. Ab 1643 Studium der Medizin und des Staatsrechts in Straßburg, Leiden und Padua, wo er 1648 zum Doktor der Philosophie und Medizin promovierte. Ab 1649 Leibarzt im Dienst des Herzogs Silvius Nimrod zu Württemberg-Oels, später Hofarzt des Kaisers Ferdinand III. In seinen letzten Lebensjahren lebte er zurückgezogen in Breslau, als Arzt für Arme und Kranke.