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"spirituell sein heißt: Mensch sein." „Lieber Freund, mir in Gott innigst verbunden, ich bitte dich sehr, lasse nicht nach, deiner Berufung zu folgen, und danke Gott dafür von Herzen.“
Die Wolke des Nichtwissens
“Die Wolke des Nichtwissens“ („The Cloud of Unknowing“) ist der Titel einer gegen Ende des 14. Jahrhunderts in Mittelengland verfassten Schrift, die auf eine einfache, jedoch sehr subtile und profunde Weise den Weg der Kontemplation beschreibt.
Das Werk bietet dem zur Kontemplation berufenen Leser eine praktische Anleitung auf dem kontemplativen Weg, indem der Autor ihn lehrt, von allen Bildern und Gedanken leer zu werden, alles begriffliche Denken aufzugeben und unter der „Wolke des Vergessens“ (zwischen dem Übenden und allem Geschaffenen) zu begraben. Die dadurch frei gewordene „nackte“ Liebe muss zu Gott in die „Wolke des Nichtwissens“ (zwischen dem Übenden und Gott) aufsteigen. In der Wolke des Nichtwissens befinden wir uns im „mystischen Schweigen“ (Dionysius).
Obwohl der Autor die Ernsthaftigkeit und hohe Bedeutung der Übung immer wieder betont, so zieht er durch seinen persönlichen und unverwechselbaren Ton und Sprachstil – er schrieb dieses literarische Meisterwerk in der Volkssprache und in briefähnlicher Form - den Leser in seinen Bann und bereitet ihm nach und nach den Weg zum „liebenden Erkennen der Letzten Wirklichkeit“ (E. Underhill).
Der Autor und seine Zeit
Wie viele seiner Zeitgenossen hat auch der „Cloud-Autor“, wie er in der Forschung mittlerweile genannt wird, seinen Namen nicht preisgegeben. Aus dem Werk lassen sich jedoch unschwer einige Details zu seiner Person feststellen.
Man nimmt heute an, dass der Autor der „Wolke“ im 14. Jahrhundert in Mittelengland gelebt hat. Die Tatsache, dass er Walter Hilton und andere englische Mystiker persönlich kannte bzw. sich mit deren Werken auseinandersetzte, verstärkt diese Annahme. Er verfügte über eine hohe theologische Bildung, setzte sich mit Dionysius Areopagita und Thomas Gallus auseinander – beide werden namentlich erwähnt – und nahm theologisches Gedankengut von Augustinus, Bernhard von Clairvaux, Hugo und Richard von St. Victor und vielen anderen auf.
In der Geschichtsschreibung der Spiritualität wurde das 14. Jahrhundert berühmt durch Persönlichkeiten wie Richard Rolle, Juliana von Norwich, Walter Hilton in England, Meister Eckhart, Johannes Tauler, Heinrich Seuse in Deutschland, Jan Ruysbroeck in Flandern und Jacopone da Todi und Catharina von Siena in Italien. Europa war geprägt von einer tiefen Religiosität, die nicht nur Kunst, Literatur und Musik beeinflusste, sondern das ganze Leben.
Der Autor der „Wolke“ war tief verwurzelt im Geist und in der Tradition seiner Zeit. Viele seiner Worte und Redewendungen finden sich in der „Nachfolge Christi“ des Thomas von Kempen oder in anderer Frömmigkeitsliteratur, die das Denken und die Spiritualität der damaligen Christenheit bestimmte. Er führt immer wieder die Heilige Schrift an oder zitiert aus den Werken von Augustinus, Dionysius, Bernhard von Clairvaux u. v. a. Viele seiner Bilder und Beispiele, z. b. das Bild der „Wolke des Nichtwissens“, das Motiv von Martha und Maria, der Aufstieg des Mose auf den Berg…; der Vergleich des mystischen Gebets mit dem Schlaf oder die Vorstellung von der Seele als einem Spiegel, in dem man Gott schauen kann, sind so sehr Traditionsgut, dass sich heute nicht mehr feststellen lässt, woher der Autor sie bezogen hat. Eine besondere geistige Verwandtschaft verbindet das Werk mit der Mystik des Johannes vom Kreuz, bei dem das Thema der dunklen Nacht der Seele zwei Jahrhunderte später seine stärkste sprachliche Gestaltung erfahren hat. Es ist durchaus möglich, dass der spanische Mystiker die lateinische Übersetzung der „Wolke“ kannte, die damals wohl auf dem Kontinent verbreitet war (P. William Johnston).
Dass die „Wolke“ als das erste Werk dieser Art in englischer Sprache eine hohe Wertschätzung erfuhr, zeigt das Vorhandensein einer großen Anzahl von noch erhaltenen Manuskripten. Sie ist aber nicht das einzige Werk, das der Autor uns hinterlassen hat. Wir besitzen von ihm noch andere Texte, z. B. den „Brief persönlicher Führung“. „Wolke“ und „Brief“ ergänzen einander. Während die „Wolke“ als ein literarisches Werk von großer stilistischer Schönheit und Aussagekraft zu den Klassikern der spirituellen Literatur in englischer Sprache gehört, ist der „Brief“ das Werk des reifen, erfahrenen Autors, gekennzeichnet durch theologische Klarheit und spirituelle Tiefe.
Darüber hinaus sind dem anonymen Autor das „Buch der mystischen Unterweisung“, der „Brief über das Gebet“ sowie einige weitere Texte zuzuschreiben, z. B. eine freie Übertragung der lateinischen Version des „Mystica Theologia“ des Pseudo-Dionysius ins Mittelenglische und eine Abhandlung über das Studium der Weisheit (eine Bearbeitung des „Benjamin Minor“ von Richard von St. Victor).
All diese Werke bestätigen den Eindruck, dass es unter den praktizierenden Kontemplativen einen regen geistigen Austausch gab.
Der Standort der „Wolke des Nichtwissens“ innerhalb der Tradition christlicher Mystik
Zwei Hauptströmungen kennzeichnen die christliche Mystik des Mittelalters: die eine Richtung, die sich bereits bei Anselm von Canterbury ankündigt und schließlich in den Werken des Bernhard von Clairvaux ihren Höhepunkt erreicht, ist gegründet auf der Überzeugung, dass Gott durch seine Menschwerdung menschlich fassbar geworden sei. Die Seele, die Gott erkennen will, muss die in der Menschwerdung erwiesene Liebe Gottes erwidern und danach streben, mit Christus im Sterben eins zu werden, denn in der Passion hat Christus seine größte Liebe erwiesen.
Die zweite Tradition – ihr gehört der Autor der „Wolke“ an - wird als die sogenannte „apophatische“ Tradition bezeichnet. Diese vom Neuplatonismus beeinflusste Lehre geht vor allem auf Gregor von Nyssa und Dionysius Areopagita zurück und betont, dass das Wesen Gottes als des ganz Anderen mit menschlichen Kategorien nicht erfasst werden könne. Dieser mystischen Richtung liegt eine negative Theologie zugrunde: Wir wissen von Gott eher, was er nicht ist als was er ist.
Nach Dionysius, der für das Mittelalter als Schüler des hl. Paulus galt und dessen Schriften fast die gleiche Autorität wie die Heilige Schrift besaßen (erst in jüngster Zeit konnte mit Sicherheit festgestellt werden, dass er ein syrischer Mönch des frühen 6. Jahrhunderts war), gibt es zwei Wege, Gott zu erkennen: den Weg des Verstandes und den – weit höher eingestuften – Weg der mystischen Kontemplation: „Neben der philosophischen und theologischen Erkenntnis Gottes gibt es ein göttliches Erkennen durch Nichterkennen.“ Dieses „Nichterkennen“ ist rein göttliches Geschenk. Durch Gebet und innere Reinigung kann sich der Mensch jedoch dafür bereiten und im Verzicht auf seine eigene Erkenntnisfähigkeit durch die göttliche Dunkelheit bzw. die Wolke des Nichtwissens hindurch auf das unnahbare Licht, in dem Gott wohnt, hoffen. Wenn das Erkennen von allem Geschaffenen entleert ist, herrscht in der Seele eine „mystische Stille“, die sie zum höchsten Gipfel führt, zur Vereinigung mit ihm, zur Schau seiner selbst.
Elemente der Mystik der „Wolke des Nichtwissens“
Das Selbst-Vergessen
Christliche Mystik kann nur vom Licht der Auferstehung her verstanden werden. Vor der Auferstehung ist die Persönlichkeit des Menschen unvollständig, und dieser Zustand der Unvollständigkeit, der Isolation, der Trennung vom Ziel ist für den Autor der „Wolke“ die Hauptursache für menschliches Leid. Alle anderen Schmerzen sind Teil dieser Grunderfahrung der Gespaltenheit menschlicher Existenz.
Am Beginn des „Briefes“ schreibt der Autor: „Gott ist dein Sein, und in ihm bist du was du bist. (…) Er ist dein Sein, doch du bist nicht das Seine.“ Der Übende soll zur Erkenntnis gelangen, dass er sein wahres Selbst nur in Gott finden kann: „Er ist dein Sein, und in ihm bist du, was du bist.“ Nur wenn der Mensch dem unvollständigen Selbst abstirbt, kann das wahre Selbst wachsen. Dieses Sterben geschieht durch die Übung der Liebe: „Das ist der Weg jeder echten Liebe. Der Liebende will alles für seine Geliebte geben, sogar sein eigenes Selbst. Er kann an nichts mehr denken als an seine Geliebte. Eine vorübergehende Schwärmerei? Nein, wahre Liebe sucht immer sich selbst zu vergessen. So ist die Liebe.“ (Brief)
Primat der Liebe
Als das zentrale Element kontemplativen Betens nennt der Autor die christliche Liebe. Die Liebeshingabe der Seele wird in der „Wolke“ als das eine „Werk“ bezeichnet, auf das alles ankomme: „Mache dir klar: Alle vernunftbegabten Wesen, Engel wie Menschen, besitzen zwei entscheidende Fähigkeiten: Erkenntniskraft und Liebeskraft. Den unerschaffenen Gott kann niemand mit seiner Erkenntniskraft ganz begreifen. Wenn auch auf unterschiedliche Weise, so kann ihn jeder kraft der Liebe ganz kennen. Das ist das nie endende Wunder der Liebe, dass wir Gott in der Liebe erfassen können, ihn, der alles, was er erschaffen hat, erfüllt und umgreift. Dieses großartige Wunder der Liebe findet kein Ende, denn er, den wir lieben, ist ewig.“ (Kap. 4)
Je tiefer der Kontemplative in die Wolke des Nichtwissens eindringt, umso mehr wird er von der Liebe geführt. Nach und nach ergreift sie von ihm Besitz und bestimmt schließlich sein ganzes Tun: „Du wirst völlig verändert. Dein Gesicht leuchtet von innerer Schönheit, und nichts kann dich erschüttern, solange du in diesem Zustand bist. Um mit jemandem darüber zu sprechen, der das gleiche erfahren hat, würdest du eine lange Reise in Kauf nehmen. Doch bei ihm angekommen, wüsstest du nicht, was du sagen solltest.“ (Brief). Darüber hinaus ist es dem Autor wichtig zu betonen, dass die Seele bei diesem mystischen Vollzug nicht abgehoben und von der sozialen Umwelt isoliert sei, sondern „… für seinen Teil für diese Gemeinschaft von Nutzen.“ (Kap. 4)
Die Stellung Jesu
Wir können Jesus in seiner historischen Wirklichkeit sehen oder in seiner Auferstehungswirklichkeit. Beide Male ist es Jesus, doch die Art und Weise seines Seins ist verschieden. Der Autor der „Wolke“ scheint vom Auferstandenen, vom kosmischen Christus zu sprechen, obwohl er diesen Ausdruck nicht explizit verwendet. Die Beziehung zwischen dem historischen und dem auferstandenen Christus beschreibt er am Beispiel der Maria: „Im Lukasevangelium finden wir den Bericht, dass Jesus in Marthas Haus weilte. Während Martha ihm sofort Essen bereitete, saß ihre Schwester Maria untätig zu seinen Füßen. Sie hörte ihm so aufmerksam zu, dass sie Marthas Geschäftigkeit nicht bemerkte. Marthas Tätigkeit war sicher wichtig und wertvoll – sie gehört zu den Werken der niederen Stufe im aktiven Leben -, doch Maria kümmerte sich nicht darum. Sie nahm auch keinerlei Notiz von Jesu menschlichem Äußeren, seiner leiblichen Schönheit, dem Wohlklang seiner Stimme oder seinen Worten – obwohl dies doch bereits besser gewesen wäre. Es gehört nämlich zur höheren Stufe des aktiven Lebens, die ja bereits die erste im kontemplativen Leben ist. Maria vergaß all das und war völlig in die höchste Erkenntnis seiner Gottheit versunken, die im Dunkel seiner Menschheit verborgen war.
Maria wandte sich mit ihrer ganzen Liebe Jesus zu. Was um sie vor sich ging oder gesprochen wurde, vernahm sie nicht. In völliger Stille saß sie da, die heimliche, frohe Liebe ihres Herzens auf die Wolke des Nichtwissens zwischen sich und Gott gerichtet.“ (Kap. 17)
Christus ist gegenwärtig, er ist die göttliche Mitte, auf die Maria ihre ganze Liebe richtet. In die Wolke eingehen heißt also nicht, Christus übersehen, sondern vordringen zu einer tieferen Erkenntnis seiner Schönheit und Liebe.
Entwicklung des Geistes
Christliche Mystik kann nie selbstsüchtige, in sich zirkulierende Beschäftigung sein, sondern muss sich zum Universum und zum Mitmenschen hin öffnen. Vor allem im „Brief“ wird die soziale und kosmische Dimension der Kontemplation betont und als eine Entwicklung vom „Leiblichen“ zum „Geistigen“ dargestellt. Wachsen in der Kontemplation bedeutet demnach ein Wachsen zum Geistigen hin, zum kosmischen Bewusstsein. Der kontemplative Mensch „zieht den Geist des kosmischen Christus an“ und bringt sich Gott dar, zum Heil der Menschheit. So vollständig nimmt er die Gesinnung Christi an, dass Christus selbst in ihm betet und sich dem Vater darbringt: „Ich lebe, doch nicht ich, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,20).
Zurück in den Alltag
Der Autor der „Wolke des Nichtwissens“ ist „(…) ein zuverlässiger Führer im 20. wie im 14. Jahrhundert. Sein Rat wird von großem Wert sein sowohl für jene, die das traditionelle Gebet pflegen, als auch für jene, die die transzendentale Meditation üben oder auch andere kontemplative Formen (…)“, schrieb P. William Johnston im Vorwort zur englischen Ausgabe von 1973. Der Gebetsweg, den die Wolke vorlegt, ist ein Weg zurück in den Alltag. Jedoch erhält dieser damit eine neue Dimension: „Diese Übung ist kein Hindernis für deine tägliche Arbeit. Du wirst deiner täglichen Arbeit nachgehen und zugleich mit deiner ganzen Aufmerksamkeit auf die dunkle Wahrnehmung deines Seins gerichtet sein, das mit Gottes Sein vereint ist. Du wirst essen, trinken, schlafen, wachen, gehen, kommen, sprechen, hören, liegen und aufstehen, wirst knien und laufen, reiten, arbeiten und ruhen. In all deinem Tun wirst du Gott jeden Tag das Beste darbringen, was du zu geben hast. Diese Übung wird die Mitte all deines Tuns, ob aktiv oder kontemplativ.“ (Brief). Ähnliches meinte wohl der hl. Benedikt, als er seinen Mönchen riet, alle Dinge „wie heiliges Altargerät“ zu behandeln, den Alltag wie einen Gottesdienst zu feiern und in jedem Augenblick innerlich wach und ganz gegenwärtig zu sein. In dem Maße, in dem die Qualität von ungeteilter Achtsamkeit und Präsenz unseren Alltag zunehmend durchdringt, taucht der Mensch in die Liebe Gottes ein und in die völlige Hingabe seiner selbst. (mk)
Literatur:
Massa, Willi (Hg.): Wolke des Nichtwissens und Brief persönlicher Führung; Freiburg/Br. 1999 |
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