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"spirituell sein heißt: Mensch sein." „Kontemplation ist das Erwachen zur Gegenwart Gottes im Herzen des Menschen und im uns umgebenden Universum. Kontemplation ist Erkenntnis im Zustand der Liebe.“
Bede Griffiths (1906-1993)
Der englische Benediktinermönch Bede Griffiths, der 1955 zu einigen seiner Ordensbrüder nach Indien aufbrach, um „die andere Hälfte seiner Seele zu suchen“, war „ein Mensch mit einem universellen Herzen … ein Weiser von weltweiter mystischer Ausstrahlung“ (Roland R. Ropers). Im Innersten davon überzeugt, dass jeder Mensch ein einmaliges, unverwechselbares Bild des Göttlichen sei, galt Griffiths´ vorbehaltlose Zuwendung und Akzeptanz jedem Menschen. Wer immer ihn in seinem Ashram in Shantivanam aufsuchte, war willkommen. Er hatte ein Herz, das „zuhören“ konnte.
„Dom Bede ist eine Quelle der Inspiration und Ermutigung für viele auf der Welt“, bekannte der englische Kardinal und Benediktiner Basil Hume anlässlich einer großen Ehrung für Bede Griffiths 1993 in London. „Er ist ein Mystiker, der mit absoluter Liebe und Schönheit in Verbindung steht. Dom Bede denkt und schreibt wie ein Schüler von Christus.“ – Ein bemerkenswertes Zeugnis über den damals noch lebenden Benediktinermönch.
Kindheit: 1906 – 1917
Alan Richard Griffiths kam am 17. Dezember 1906 in Walton-on-Thames, unweit von London als viertes Kind einer mittelständischen anglikanischen Familie zur Welt. Kurz nach seiner Geburt machte sein Vater Walter Griffiths mit seinem Malerbetrieb Konkurs. Dies führte zum Verlust seiner Autorität innerhalb der Familie. Die Mutter zog mit den Kindern in eine bescheidene Wohnung und arbeitete als Putzfrau, um den Unterhalt für sich und ihre Kinder bestreiten zu können.
Bereits als Junge hatte Alan Richard auf einem seiner jugendlichen Entdeckungsstreifzüge durch die Natur eine Erfahrung von Einheit, von der er später bekannte, dass sie zu den bedeutendsten Ereignissen in seinem Leben zählte: Als er bei Sonnenuntergang durch den Park schlenderte, wurden plötzlich seine Sinne „geschärft“. Er empfand den Klang der Vogelstimmen wie nie zuvor, sah die Blüte der Bäume in nie erkannter Klarheit, und der Schleier der Abenddämmerung überwältigte ihn mit einem „furchterregenden“ Gefühl göttlicher Gegenwart. Sein Bewusstsein war zu einer anderen existentiellen Ebene erwacht.
Ausbildung: 1918 – 1928
Als Zwölfjähriger kam Alan Richard in das „Christus Hospital“, eine staatliche Schule für bedürftige Knaben. Der Junge war äußerst wissbegierig, enorm belesen und stets Klassenbester, weshalb er schließlich ein Stipendium für das Magdalen College in Oxford erhielt. Dort studierte er Literaturwissenschaften und Philosophie und begegnete auch seinem späteren langjährigen Freund, dem Universitätsprofessor und Schriftsteller C. S. Lewis, der sein Leben und Werk nachhaltig beeinflusste.
Prinknash Abbey: 1932
Nach seinem Universitätsabschluss unternahm Alan zunächst gemeinsam mit zwei Freunden den „Versuch eines gemeinschaftlichen Lebens“ („Experiment in Common Life“). Sie bewirtschafteten ein kleines Landgut und führten ein naturverbundenes, kontemplatives Leben. Obwohl dieses „Experiment“ nur von kurzer Dauer war, so hinterließ es dennoch tiefe Spuren in Alans Leben.
Alan Griffiths war ständig auf der Suche nach Ganzheit, er befand sich im dauernden Widerstreit zwischen rationalem Verstand und seinen spirituellen Bedürfnissen, - ein Konflikt, der ihn innerlich beinahe zu zerreißen drohte. Während einer längeren Phase der Zurückgezogenheit und des Fastens erlebte er eines Nachts einen plötzlichen Durchbruch und er erkannte, dass er „nicht mehr der Mittelpunkt seines Lebens“ war. Über die Lektüre von J. H. Newman, intensives Gebet und Fasten fand er allmählich wieder zu seiner Mitte zurück. Bald darauf konvertierte er zum katholischen Glauben. Am 20. Dezember 1932 wurde er als Novize der Benediktinerabtei Prinknash Abbey eingekleidet. Das Mönchsgewand bedeutete für ihn, wie er später schrieb, „das Zeichen, Christus angezogen zu haben“, der Name „Bede“, den er von jetzt an trug und der etymologisch betrachtet ewig, lebendig, unsterblich bedeutet, sollte sein „neues Menschsein in Christus“ bezeichnen.
Vier Jahre später legte er seine ewigen Gelübde ab, und am 9. März 1940 wurde er zum Priester geweiht. Von Anfang an erkannte man seine Begabung, Menschen spirituell zu beraten und zu führen, und so ernannte man ihn 1947 zum Prior der St. Michaels Abtei von Farnborough. Die wirtschaftliche Leitung eines Klosters gehörte jedoch nicht zu den besonderen Fähigkeiten Pater Bedes, zumal es mit den Finanzen in Fainsborough nicht zum Besten stand und von ihm erwartet wurde, dass er die schöne Barockkirche, den landwirtschaftlichen Betrieb und die gesamten Besitzungen auf eine finanziell unabhängige Grundlage stellen könnte. Es kam zu Spannungen und Differenzen und man entsandte ihn, als Exerzitien- und Novizenmeister, in die Benediktinerabtei Pluscarden, - eine unberührte, zauberhaft schöne Gegend in Schottland, wie geschaffen zum Rückzug und zur Stille.
Aufbruch nach Indien: 1955
Während der fruchtbaren Jahre in Pluscarden begann Bede zu schreiben. The Golden string entstand in dieser Zeit, - seine bemerkenswerte Autobiografie und Beschreibung seiner bisherigen spirituellen Reise. Daneben begann er mit dem ernsthaften Studium östlicher Weisheitslehren, der Veden, der Upanishaden, der Bhagavad Gita, des Tao te King, der Schriften Chuan Tses und anderen. Die Begegnung mit dem in Europa geborenen indischen Pater Benedikt Alapatt sowie mit der C. G. Jung-Schülerin Toni Sussman, die ihn mit dem Denken des Ostens und mit der indischen Literatur vertraut machte, führte schließlich dazu, dass er 1955 seine Heimat verließ und nach Indien aufbrach. An einen Freund schrieb er: „Ich gehe, um die andere Hälfte meiner Seele zu entdecken.“ Hierin liegt der Schlüssel zu seinem Lebenswerk: eine Verbindung zu schaffen zwischen der vernunftorientierten, rationalen Wissenschaft des Westens und der intuitiven Fähigkeit des Ostens, die sich in der hinduistischen und buddhistischen Mystik manifestiert.
Im Kurisumala Ashram im südindischen Staat Kerala spürte Bede Griffiths recht bald, dass der mönchische Lebensstil des Westens zum armen Leben der Dorfbewohner keinen Bezug hatte, und so begann er, gemeinsam mit dem belgischen Trappisten Francis Acharya und einer kleinen Gruppe indischer Mönche, zunächst den Ritus der Messfeier dem indischen Empfinden anzunähern, indem sie den syrischen Ritus und die Volkssprache einführten.
Shantivanam: 1968 – 1990
Als man Pater Griffiths bat, die Leitung von Shantivanam (sanskr.: Wald des Friedens) im Nachbarstaat Tamil Nadu zu übernehmen, wo der französische Benediktinerpater Henri le Saux seit 1950 lebte, bedeutet dies für ihn eine entscheidende Wende. Le Saux (1910 – 1973), der zu den Mitbegründern des Ashrams gehörte, hatte darum gebeten, sich in eine Einsiedelei in den Bergen Indiens zurückziehen zu dürfen. Im August 1968 kamen Griffiths und zwei seiner indischen Mitbrüder im Saccidanda Ashram an.
Unter der spirituellen Führung von Bede Griffiths erfolgte ein grundlegender Wandel im Charakter und Geist des Ashrams. Shantivanam wurde zu einem Begegnungszentrum der Weltreligionen und des kontemplativen Lebens. Während des ganzen Tages empfing Dom Bede in seiner kleinen Lehmhütte Gäste aus der immer zahlreicher werdenden Schar von Menschen, die vor allem aus dem Westen herbeiströmten. Er hielt Unterricht und interpretierte die heiligen Schriften aller großen Traditionen. Abends versammelte er die Ashram-Gemeinschaft zum gemeinsamen Gespräch. Für Unzählige wurde er zum Vorbild und liebevollen Seelsorger. Von überall her kamen die Menschen, um von seiner Weisheit und seinem Beispiel inspiriert zu werden, Gottsucher aus allen Teilen der Welt weihte er zu Laienbrüdern des hl. Benedikt. Die ersten Priesterweihen in Shantivanam fanden im Januar 1982 statt, nachdem sich Dom Bede 1980 offiziell dem Camaldulenser-Orden angeschlossen hatte.
Bede Griffiths hat seine Vision von „Inkulturation“ im Sinne des II. Vatikanischen Konzils - dem christlichen Leben und Mysterium in der jeweiligen Kultur Ausdruck zu geben, in der die Gemeinschaft lebt - in Vorträgen und Interviews weltweit bekannt gemacht. Er unternahm Reisen nach Europa, nach Amerika und Australien und nahm an unzähligen Konferenzen und monastischen Treffen teil. Die meisten seiner Vorträge und Erkenntnisse sind in Büchern publiziert und in mehrere Sprachen übersetzt worden. Bede Griffiths selbst schrieb zwölf Bücher und verfasste mehr als fünfhundert Artikel, in denen er unermüdlich seine Idee von einem wahrhaft universellen Christentum darlegt, einem Christentum, das für andere Traditionen wirklich offen ist und lernt, deren innere Sprache zu sprechen.
Sein 1989 publiziertes Buch A New Vision of Reality, zu dessen deutscher Ausgabe Raimon Panikkar ein Vorwort mit dem Titel Eine alte Sicht der Wirklichkeit schrieb und in dem Griffiths auf Grundlage der Werke so einflussreicher Denker wie Sri Auribondo, Raimon Panikkar, Fritjof Capra, Ken Wilber und anderer Mystiker christlicher und asiatischer Tradition sein Denken entfaltet, liefert den „Schlüssel zur allgemeinen Richtung, in die seine Synthese weist: Westliche Wissenschaft, östliche Mystik und christlicher Glaube.“ (Roland R. Ropers)
Im Januar 1990 erlitt Bede Griffiths eine schwere Herzattacke, die ihn mehrere Wochen lang in einen merkwürdigen Zustand versetzte, den er selbst als eine mystische Erfahrung deutete: „Ich finde mich in der Leere, aber die Leere ist vollkommen erfüllt von Liebe.“ Trotz seiner Erkrankung blieb sein Arbeitseinsatz ungehemmt: Noch im selben Jahr besuchte er die USA, gab Vorträge, erweiterte sein schriftliches Werk, beteiligte sich an einer Filmproduktion über sein eigenes Leben und Wirken. Im September 1992 führte ihn eine letzte Reise nach Deutschland, Österreich und Italien.
Von einem schweren Schlaganfall, der ihn im Dezember 1992 traf und dem im Januar 1993 zwei weitere folgten, erholte sich Dom Bede körperlich nicht mehr; die irdische Lebensreise des großen spirituellen Meisters ging zu Ende. Er starb am 13. Mai 1993 in seiner Hütte in Shantivanam, wo er 25 Jahre lang Menschen aus aller Welt in Liebe empfangen und gelehrt hatte.
Margit Krismer
Quellenangabe:
Ropers, Roland R. (Hg.): Bede Griffiths. Göttliche Gegenwart, Augsburg 1997
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