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"spirituell sein heißt: Mensch sein." „Worauf Gott seine Hoffnung setzt, das wage ich.“
Mechthild von Magdeburg (um 1207 – 1282)
Ihr Geburtsjahr ist wahrscheinlich 1207, manche nennen das Jahr 1210. Der Geburtsort ist vermutlich eine Burg in der Nähe von Magdeburg. Über ihre Eltern ist uns nichts Genaues bekannt. Aber ihre Sprache verrät, dass sie aus adeligem Elternhaus stammte und sich offenbar eine gute höfische Bildung aneignen konnte. Sie war vertraut mit der Troubadourmusik ihrer Zeit sowie mit der Kunst der Minnelyrik, aus deren Sprachschatz sie zeitlebens schöpfte.–
Woher sie stammt, zu welcher Familie sie gehört, wie sie ihre Kindheit verbracht hat, solche biografischen Fragen waren für Mechthild von Magdeburg nicht bemerkenswert. Angaben dazu hat sie deshalb nur sporadisch in ihrem Buch „Das Fließende Licht der Gottheit“, dem einzig sicheren Lebenszeugnis Mechthilds, verstreut, denn angesichts der überwältigenden Gottesminne und unfasslichen Gotteserfahrung, die sie in ihrem Buch unter dem unausweichlichen Zwang einer inneren Stimme zur Sprache bringen musste, wurde ihre äußere Lebensgeschichte verschwindend klein.
Aufbruch aus der Sicherheit der Burg
Als junge Frau kann Mechthild ein relativ sicheres, sogar luxuriöses Leben führen: Die wehrhafte Burg schützt vor feindlichen Übergriffen, die Arbeit der Leibeigenen verschafft Nahrung, Kleidung, Wohnraum. Mechthilds Weg als privilegierte Adelige scheint zunächst vorgezeichnet.
Um 1230 jedoch verlässt sie die sichere Burg und begibt sich in einen Magdeburger Beginenhof. Mehrere Gründe dürften sie dazu bewogen haben: einerseits das Armutsideal der Franziskaner, die sich immer heftiger gegen den höfischen Reichtum wandten, andererseits ihr eigenes Streben nach Vollkommenheit und gelebter Nachfolge Christi. Auch berichtet sie Jahre später von einem Berufungserlebnis im Alter von zwölf Jahren, an der Schwelle zum Erwachsensein: „Ich muss sprechen Gott zu Ehren und auch wegen des Buches Lehre: Ich unwürdige Sünderin wurde in meinem zwölften Jahre, als ich allein war, in überaus seligem Fließen vom Heiligen Geiste gegrüßt, dass ich es nie mehr über mich brächte, mich zu einer großen, lässlichen Sünde hinreißen zu lassen. Der vielliebe Gruß kam alle Tage und machte mir herzlich leid aller Welt Süßigkeit, und er wächst noch alle Tage. Dies geschah während einunddreißig Jahren.“
An dieser Berufungserzählung ist vor allem eines bemerkenswert: Mechthild benennt nicht, was sie genau gesehen und gehört hat und wie dies geschah. Noch Jahrzehnte später fehlen ihr die Worte, um jenes Ereignis zu beschreiben. Entscheidend ist, dass die Zwölfjährige mit einer unausweichlichen Macht konfrontiert wird, die ihrem Leben eine neue Richtung gibt. Der göttliche Gruß „wächst alle Tage“, macht sie lebendig und wach, ruft sie vom Reichtum des Elternhauses weg.
Magdeburg: Die Armutsbewegung der Beginen
Der „Gruß des Heiligen Geistes“ führt die Zwanzigjährige in die reiche Handelsstadt Magdeburg und somit an einen Ort, an dem sich im Hochmittelalter die Umbrüche und Turbulenzen der Zeit kristallisierten. Sie entscheidet sich für ein strenges geistliches Leben gemäß den drei evangelischen Räten und schließt sich den Beginen an, einer Armutsbewegung von Frauen, die sich gegen Ende des 12. Jh. vor allem in den Niederlanden, in den Rheinlanden und in Nordfrankreich gruppierten und ihren Lebensunterhalt durch Handarbeit, Unterricht oder im Pflegedienst bei Kranken, Witwen und Waisen, Elendsprostituierten und Ausgestoßenen verdienten.
Entscheidend für die Armutsbewegung im 13. Jh. ist die Freiwilligkeit, mit der die Beginen, die Franziskaner und auch die Dominikaner ein Leben in Armut auf sich nehmen. Die freiwillige Armut verurteilt Reichtum, Hochmut und Eitelkeit. „Nackt dem nackten Christus folgen“, lautet das Leitwort der franziskanischen Bewegung. Wer sich der Armut des Evangeliums verschreibt, muss sich dem Reichtum und seiner Macht versagen. Die Auseinandersetzung mit dieser gefährlichen Macht durchzieht Mechthilds gesamtes schriftliches Werk. Noch im VII. Buch, das erst in Helfta entsteht, schreibt sie: „Wenn der geistliche Mensch seine Verwandten und liebsten Freunde schön geschmückt und nach weltlicher Art gekleidet vor sich sieht, dann hat er wohl nötig, dass er gestärkt und mit dem Heiligen Geist bewaffnet sei und nicht denke: Das hättest du auch gut haben können! Von diesem Gedanken wird ihm sein Herz so finster und seine Sinne so unwillig für Gott und sein Gemüt für das heilige Gebet so träge und seine Seele so ganz fern von Gott, dass er seinen weltlichen Verwandten dann innerlich ähnlicher wird als einem geistlichen Menschen.“
Das Buch
Ungefähr zwanzig Jahre lang lebt Mechthild als Begine in Magdeburg, bevor sie zu schreiben beginnt. Ermutigt und aufgefordert dazu wird sie von ihrem Beichtvater, dem Dominikaner Heinrich von Halle, der die Aufzeichnungen redigiert, möglicherweise auch da und dort korrigiert, die Reihenfolge der Bücher bestimmt und das Werk an die Öffentlichkeit bringt. Die sieben Bücher entstehen in einem Zeitraum von dreißig Jahren, wobei Mechthild selbst immer von ihrem „buoch“ spricht und somit das Gesamte im Blick hat. Das siebte Buch, das erst nach 1270 in Helfta entsteht, kennt Heinrich von Halle nicht mehr.
Das Buch vom Fließenden Licht ist sehr bald über die Grenzen von Magdeburg hinaus bekannt. Die ursprünglich von Mechthild in Niedermittelhochdeutsch, der damaligen Volkssprache im norddeutschen Sprachraum niedergeschriebenen Gotteserfahrungen werden noch zu ihren Lebzeiten ins Lateinische übersetzt, und um 1345 ins Alemannische übertragen.
Mechthilds Buch ist ein in vieler Hinsicht überraschendes Werk. In höchst individueller, bildhafter Sprache gibt es die Erfahrungen der Mystikerin mit Gott wieder, wobei Mechthild immer wieder betont, wie zerbrechlich und schwach ihre Sprache im Vergleich zu dem Erfahrenen ist. Die Schreibformen des Buches sind folglich auch ungewöhnlich vielfältig und bewegt: Gebete und Streitgespräche, Weisheitssprüche und Traktate, Gedichte und Abhandlungen, Himmelsvisionen und politische Rede, Rätselsprüche und Liebesgedichte wechseln einander ab und thematisieren Religion und Erotik, Mystik und Politik, Freiheit und Spiritualität, Unsagbarkeit und Offenbarung in kraftvoll eindringlicher und ursprünglicher Sprache.
Mechthild verfügte über ein erstaunliches Sendungsbewusstsein. Auf ihre Frage, wie das Buch heißen solle, offenbart Gott selbst ihr den Titel: „Es soll heißen ein fließendes Licht meiner Gottheit.“ Und sie betont: „Gott selbst spricht die Worte, deshalb soll man es mit Freuden aufnehmen.“ Das Buch will über ihre Person hinausführen und dem Aufbau und der Stärkung der Kirche dienen, die sie in Gefahr sah, durch korrupte Geistliche von innen ausgehöhlt zu werden. Mit ihrer Kritik an Geistlichen hält sie nicht zurück: „Dieses Buch sende ich nun als Boten allen geistlichen Leuten, die die Säulen der Kirche sind, den guten wie den schlechten; denn, wenn die Säulen fallen, dann kann das Gebäude nicht überdauern“, schrieb sie in der Vorrede ihres bedeutenden Werkes. Sie verstand ihr Buch als Botschaft an die Gläubigen und an die Geistlichen. Ihre eigene, einzigartige Beziehung zu Gott sollte die Menschen zu einem stärkeren, leidenschaftlichen Glauben inspirieren.
„Mechthild von Magdeburg schenkt uns eine unerschöpfliche Glaubens- und Lebenslehre“ schreibt R. Tscheer, „da wir bei ihr eine Einheit des Denkens, Fühlens und praktischen Lebensvollzugs feststellen. Wir erahnen ihre persönliche Liebesbeziehung zu Gott, nehmen jedoch auch den Zusammenklang mit dem heilsgeschichtlich-kosmologischen Geschehen wahr: Aufschwung und Niedersinken der Seele entsprechen dem Fließen der Gottheit. Es veranschaulicht Gottes überströmende Liebe, die sich im Schöpfungswerk, ganz besonders in Christi Menschwerdung, aber auch in seiner Höllenfahrt, manifestiert. Trotz Kirchenkritik und Höllenvisionen steht die göttliche Liebe als Ursprung und Ziel aller menschlichen Liebe im Mittelpunkt. Wir erkennen die Dynamik einer Liebe, die sich nicht nur im Aufstieg und in der mystischen Vereinigung mit dem Geliebten bewährt, sondern auch im ‚Entsinken’ aus Gehorsam gegen Gottes Willen. Diese Dynamik der Bewegung, das Fließende, Strömende von Licht, Feuer, Wasser als Ausdruckskraft der göttlichen Liebesgaben ist fortwährend spürbar… In kühnen Strichen entwirft sie mit wunderschönen Bildern ihr Gottesbild, zeigt uns einen Gott und Schöpfer, den sie ernst nimmt und dem sie existentielle Fragen stellt.“
Das „Fließende Licht der Gottheit“ war von Anfang an umstritten. Mechthild schrieb als Frau und Begine Literatur theologischen Inhalts, in Volkssprache statt in Latein. Dennoch unterschätzte sie nie die Gefahren, die ihr möglicherweise drohten: „Ich wurde vor diesem Buche gewarnt und von Menschen in der Weise belehrt: Wenn ich nicht davon ablassen will, könnte es leicht in Flammen aufgehen.“
Geschwächt von Anfeindungen und Krankheit zog sie sich um 1270 ins Kloster Helfta bei Eisleben zurück, wo sie bei den beiden ebenfalls schreibenden Zisterzienserinnen Mechthild von Hackeborn und Gertrud der Großen Anerkennung fand. Sie starb 1282.
Margit Krismer
Literatur:
Mechthild von Magdeburg: „Ich tanze, wenn du mich führst“. Ein Höhepunkt deutscher Mystik; ausgewählt, übersetzt und eingeleitet von Margot Schmidt, Freiburg/Br. 2001
Keul, Hildegund: Mechthild von Magdeburg Poetin – Begine – Mystikerin, Freiburg/Br. 2007
Tscheer, Rosmarie: Das fließende Licht der Gottheit, in: SKZ 46/1998 |
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